Das Buchcover gibt sich dezent, will nicht protzen, ist reduziert: wie auch anders kann ein Sammelband gestaltet sein, der es sich zum Ziel gemacht hat, Reichtum aus soziologischer, kulturwissenschaftlicher, ökonomischer, politologischer und philosophischer Sicht zu betrachten? Wie merkwürdig bunt und motivierend lachen dem gegenüber die Ratgeber zur Anhäufung von Wohlstand, die den LeserInnen zeigen wollen, wie sie endlich mehr aus ihrem Geld machen können, aus den Buchregalen. Soweit ein nicht unbedeutender Vergleich. Medienberichte konzentrierten sich bis vor kurzem stärker auf die Armut, die neue, die versteckte Armut, die sogenannten „armen Länder“. Globalisierungsdebatten führten indirekt  zum komplementären Phänomen Reichtum. „Die Bundesrepublik Deutschland ist eines der reichsten Länder der Welt. Gleichwohl gibt es in der bundesdeutschen Literatur nur wenige Ansätze, die Entwicklung des Reichtums zu beschreiben und zu analysieren.“ Österreichische LeserInnen können hier nur zustimmen, die einzelnen Beiträge (sie beziehen sich auf bundesdeutsche Verhältnisse) lesen und bemerken, wie ähnlich es in ihrem Lande ist. Hier wie dort folgen Menschen dem Leitbild „Reichtum“ und versuchen ihr Glück im Lotto und wissen, dass Reichsein gleichzusetzen ist mit Schönsein; der Begriff „Verarmungskarrieren“ ist in diesem Kontext ebenso zynisch wie treffend.

Viele Beiträge lesen sich wie Kurzgeschichten, die von der Welt der Armen aus in die hellerleuchtenden Häuser der Reichen blicken. Der Beitrag „Zur Kultur des Reichtums“ von Dieter Kramer ragt in seinem Praxisbezug heraus; er stellt Reichtum und freiwillige Selbstbegrenzung gegenüber, erläutert die Symbolwelten des „Genug“, die in allen Kulturen zur Bescheidenheit ermahnen, die Relativität von Reichtum begreiflich machen. Sprichwörter und Mythen mahnen in allen Kulturen vor ungehemmtem Streben nach Reichtum – „Wer nie genug hat, ist immer arm“. Inwieweit das Sprichwort „Zeit ist Geld“ noch immer gilt, versucht Philip Wotschak in seinem Abhandlung „Zeitreichtum und Zeitarmut“ zu beantworten: er stellt fest, dass derzeit nur wenige von dem zeitlichen Reichtum der Gesellschaft profitieren. Die inhaltlichen Anforderungen und Belastungen in Familie, Haushalt und Beruf führen zu Einschränkungen, wie auch die fortschreitende Flexibilisierung mit ihren ungünstig liegenden Arbeitszeiten qualitative Zeitverluste mit sich bringt. So ist gesamtgesellschaftlich „Zeitwohlstand“ nicht lebbar; die Chance, die eigene Lebenszeit in der Arbeit, im Haushalt und in der Freizeit als persönlichen Entfaltungsraum zu nutzen, ist ungleich - auf mehr oder weniger attraktive bzw. sichere Berufsfelder - verteilt. - Ein ernüchterndes Buch, der Prosecco zur Happy-hour schmeckt plötzlich nicht mehr: ob sich Ethik und Fun je vertragen werden? Chr. G.–R.

Bei Amazon kaufenReichtum heute. Diskussion eines kontroversen Sachverhalts. Hrsg. v. Jörg Stadlinger. Münster: Westfälisches Dampfboot 2001. 311 S., € 24,54 / DM / sFr 48,  / öS 337,70