Produktprobleme im Kapitalismus

Ausgabe: 2017 | 1

Warum der Kapitalismus sich selbst in Frage stellt

Früher dachten die Kritiker des Kapitalismus, dass der Marktmechanismus das Hauptproblem sei. Diese Konkurrenz sollte die Arbeiterklasse überwinden – durch Revolution oder dann doch eher durch Reform. Das Werkzeug dafür wäre der Staat. Der Kapitalismus werde mit einer ihm eigenen Krise die Tür zu dieser Veränderung bieten, so die Annahme der Linken.


Paul Mason weist darauf hin, dass genau das nicht passiert ist. Die Markwirtschaft setzte sich in den vergangenen 150 Jahren gegen konkurrierende Systeme durch. Die Planwirtschaft verschwand (weitgehend), auch der Individualismus trat einen Siegeszug an, und eine Arbeiterklasse, die sich als solche versteht, ist nur an wenigen Orten anzutreffen.


Und dennoch, so Mason, hat der Kapitalismus ein ernstes Problem. Denn drei Entwicklungen kulminieren zu einer Herausforderung, derer diese Form des Wirtschaftens vielleicht nicht mehr gewachsen sein wird. „Erstens hat die Informationstechnologie den erforderlichen Arbeitsaufwand verringert, die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit verwischt und die Beziehung zwischen Arbeit und Einkommen gelockert. Zweitens berauben die Informationsgüter den Markt seiner Fähigkeit, die Preise richtig festzusetzen. Der Grund dafür ist, dass die Märkte auf Knappheit beruhen – aber Information ist im Überfluss vorhanden. Das System versucht sich zu verteidigen, indem es in einem seit 200 Jahren nicht mehr gekannten Maß Monopole errichtet, die jedoch nicht überleben werden. Drittens entwickelt sich spontan eine kollaborative Allmendeproduktion (Peer-Produktion). Es tauchen immer mehr Güter, Dienstleistungen und Organisationen auf, die dem Diktat des Markts und der Managementhierarchie nicht mehr gehorchen.“ (S. 16)


Konzentrieren wir uns auf das Argument, das bei Mason den Kern bildet: „Die Informationsgüter verändern alles.“ Information kann in Zeiten der PCs und des Internet technisch gesehen mit geringfügigen Kosten reproduziert werden. Wenn eine Band ein Musikstück einmal eingespielt und gespeichert hat, kostet es so gut wie nichts mehr, es acht Milliarden Menschen zu überlassen. Und auch wenn man es all diesen Personen schenkt, hat die ursprüngliche Version keinerlei Abnützungserscheinung. Der Nutzwert des ursprünglichen MP3s ist ident.


Schlimmer ist es, dass schon viele der acht Milliarden Menschen die Ressourcen haben, sich dieses Musikstück tatsächlich zu besorgen. Die im Sinne des Kapitalismus adäquate Lösung für Produkte die auf Information beruhen, ist also das gesetzliche Verbot des Kopierens; man muss Menschen von der Nutzung ausschließen, Informationen einzäunen und den Zugang limitieren.


Das ist es, was Spotify, iTunes, Zeitungsplattformen, Verlage und andere Plattformen machen. Aber eben diese Strategie, die fortschreitende Einzäunung von Information, unterläuft einen Kernbereich des Marktmechanismus. Mason: „Die Mainstream-Ökonomen gehen davon aus, dass die Märkte den vollkommenen Wettbewerb fördern und dass Fehler wie Monopole, Patente, Gewerkschafen und Preiskartelle vorübergehend sind. Des Weiteren nehmen diese Ökonomen an, dass die Marktteilnehmer vollkommene Information besitzen. [Der amerikanische Ökonom Paul] Romer zeigte allerdings, dass in dem Moment, da die Wirtschaft aus gemeinsam nutzbaren Informationsgütern besteht, der unvollkommene Wettbewerb zur Norm wird.” (S. 166)


Bis zum Auftauchen der gemeinsam nutzbaren Güter, wie vor allem Informationen, lautete das grundlegende Gesetz, dass alles knapp ist. Angebot und Nachfrage setzen Knappheit voraus. Darüber hinaus zeichnet sich ein weiteres Problem ab: Das Gespenst der Unterkonsumation taucht auf. Das fortschreitende Ersetzen von menschlicher Arbeit durch neue Technologien, Roboter, Algorithmen und zentrale Steuerungen. Mit weniger Beschäftigten fallen auch die KonsumentInnen aus. Es sei denn, neue Lebensbereiche würden kommerzialisiert. „Die größte Gefahr, die von der Roboterisierung ausgeht, ist also nicht die Massenarbeitslosigkeit, sondern die Erschöpfung des Kapitalismus, neue Märkte zu schaffen, wenn die alten absterben.“ (Mason, 234)


Spitzen wir es zu. 1) Es gibt immer mehr Produkte, die zu teilen fast kostenlos ist. 2) Diese Produkte werden nicht nur Musik und Bücher betreffen, beispielsweise auch Wissen zur Verbesserung der Gesundheit, und bald auch die Baupläne für Alltagsprodukte, ermöglicht durch dezentrale 3D-Drucker. 3) Der Kapitalismus muss den Zugang zur Nutzung dieser Chance für die Weltbevölkerung einschränken, weil Innovation für ihn sich aus Marktpreisen speist. 4) Die Robotisierung beschleunigt sich und reduziert die nötige menschliche Arbeitszeit in der Produktion weiter. 5) Der Kapitalismus ist nicht in der Lage, diese Entwicklung als positive Entwicklung zu sehen. Gehen wir mithin einer grundlegend neuen Gesellschaftsordnung entgegen, die für alle ein Zurückdrängen der notwendigen Arbeit zugunsten freiwilliger Tätigkeiten bedeuten könnte? Stefan Wally

Bei Amazon kaufenMason, Paul: Postkapitalismus. Grundrisse einer kommenden Ökonomie. Berlin, Suhrkamp 2016. 429 S., € 26,95 [D], 27,70 [A] ; ISBN 978-3-518-42539-8