
In ihrer Monografie kommt die Philosophin Bogna Konior, die nach einigen europäischen Stationen aktuell an der NYU Shanghai zu Medien forscht, zu einem provokanten Urteil hinsichtlich der theoretischen Durchdringung des Internets: Der Großteil vorhandener Forschungsliteratur ab den 2000er-Jahren sei journalistisch geprägt und verhandele das Internet als Wirtschaftssystem, als politisches Instrument oder als moralisch-psychologisches Problemfeld – verstehe es aber nicht in seiner Medialität. Nicht zuletzt deshalb will sie in ihrer methodisch stark spekulativ angelegten Studie philosophische Perspektiven auf Information, Intelligenz und das Internet eröffnen, die auf anderen Theorieangeboten (z. B. von Gilles Deleuze, Mark Fisher oder Nick Land), Science-Fiction-Literatur (vor allem von Liu Cixin) aber auch Ufologie bzw. Kosmologie fußen. Das Zusammendenken dieser diversen Felder unter dem zentralen Begriff der Kommunikation wird durch die Bezugnahme auf die titelspendende „Dark Forest Theory“ gestützt: Die Stille im Universum ist nicht auf den Mangel an intelligentem Leben zurückzuführen, vielmehr ist diese Stille direkter Ausdruck ebendieser Intelligenz in einem feindseligen, deterministischen und kalten Universum. Entsprechend sind für Konior, die auf reizvolle Weise Internet und Erstkontakt mit dem Nicht-Menschlichen über die Abschnitte des Bandes immer wieder neu aufeinander zu beziehen versteht, strategische Prinzipien wie Täuschung, Opazität und Schweigen ebenso existenziell wie unvermeidlich. Das philosophische Verstehen und Anwenden der „Dark Forest Theory“ erlaubt, so die Autorin, ein entsprechend neues und auch als notwendig erachtetes Verständnis von Internet und KI – und evoziert einen als nicht minder notwendig erachteten Bruch mit der Vorstellung, digitale Kultur in ihren unterschiedlichsten Ausprägungen wäre eine Fortsetzung oder auch Entsprechung analoger Seinsweisen.
Gewalt als unvermeidlicher Teil von Kommunikation
Mit dem bewussten Abrücken von konventionellen ethisch-moralischen Positionen oder (Mit-)Gefühl endet für Konior die Vorstellung des Internets als „public sphere“ (S. 32). Vielmehr zeigt sich auch hier ein mystischer Wald, der – wie die menschliche Zivilisation an sich – als „hostile environment“ (S. 39) und „truly alien space“ (S. 115) enttarnt wird. Es ist ein komplexes, extraktions- und konfliktgetriebenes Ökosystem, in dem Analyse und Erzeugung von Wirklichkeit verschmelzen: Das Internet wird als immer schon inhumaner Raum verstehbar, in dem sich neue, geschlossenere Formen reflektierter Kommunikation ausbilden müssen, wenn wir darin bestehen wollen. In der von der Autorin propagierten Hard-Boiled-Ontologie erweist sich menschliche Handlungsmacht generell als limitiert, Auswege als inexistent und Verweigerungshaltung als sinnlos. Koniors pessimistische Denkexperimente sind aber keineswegs Einladungen zur existenziellen Resignation; vielmehr ist „our sense of futility“ (S. 113) für sie die Grundlage einer Rekalibrierung von Intelligenz (bzw. intelligentem Verhalten) und die radikale Konfrontation mit einem indifferenten (Medien-)Universum.








