Meinhard Miegel, Wirtschaftswissenschaftler aus Leipzig, und Stefanie Wahl, Politikwissenschaftlerin aus Bonn, konstatieren aufgrund ihrer demographischen Analyse: "Die Kultur des Westens zerstört sich selbst, weil ihr eine selbstzerstörerische Ideologie zugrunde liegt: der Individualismus." Zwar hat der Individualismus die Menschen im Westen zu außerordentlichen Leistungen befähigt und ihren materiellen und immateriellen Wohlstand in einzigartiger Weise gemehrt. doch zugleich hat er in den westlichen Nationen, besonders in Deutschland, zu einem kontinuierlichen Geburtenrückgang beigetragen.

"Kinder fügen sich offenbar schlecht in individualistische Kulturen", so die Verfasser. So werden in statistischen Erhebungen "Beruf, die Bevorzugung eines bestimmten Lebensstils und eine allgemeine ablehnende Haltung zu Kindern" als die wichtigsten Gründe für Kinderlosigkeit angegeben. Der Individualismus des 20. Jahrhunderts darf allerdings nicht als Ad-hoc-Bildung der Gegenwart mißverstanden werden, denn es sinken im Verlauf der Menschheitsgeschichte die Geburtenraten, je individualistischer der Mensch wird. Dieser Zusammenhang ist in der europäischen Geschichte erstmals im antiken Griechenland erkennbar, wird durch "weniger individualistische Kulturen" kurz unterbrochen, um sich dann von der Renaissance über Humanismus, Reformation, Aufklärung, Liberalismus bis hin zur Gegenwart fortzusetzen.

Um den Zerfall der westlichen Kulturen aufzuhalten, stellen die Autoren in einem Appendix "bevölkerungspolitische Optionen" zusammen (Förderung kinderreicher Familien, Integration von Zuwanderern, Verbesserung der Altersvorsorge), die allerdings nur fruchtbar sein können, wenn der Individualismus durch "gemeinschaftsbezogenes Handeln" ersetzt wird. So wagen die Verfasser die Vorhersage: "Verzichten die westlichen Kulturen nicht weitgehend auf ihren Individualismus, werden sie in wenigen Generationen in existentielle Bedrängnis geraten."

M. K.

Miegel, Meinhard; Wahl, Stefanie: Das Ende des Individualismus. Die Kultur des Westens zerstört sich selbst. München.· Aktuell, 7994.2075., DMlsFr 38,-1  ÖS 296,50