Der umfangreiche Band versammelt erstmals in deutscher Übersetzung wichtige feministische theoretische Arbeiten, vorwiegend aus den Sozialwissenschaften und der Philosophie, die einen Einblick in den Diskussionsstand im amerikanischen Raum geben. In Ihrer Einleitung definiert Elisabeth List ”Feminismus als Kritik" und begreift die Parteilichkeit auch als politisches Programm für eine Veränderung der Gesellschaft. Die durchaus heterogenen feministischen Theorieansätze können allerdings nicht additiv den anderen hinzugefügt werden, sondern stellen die gesamten ”Denkverhältnisse " mit ihrer Verknüpfung von Wissenschaft und Männlichkeit in Frage. Im ersten Teil des Bandes werden verschiedene Positionen feministischer Theorie und ihre Probleme dargelegt; so thematisiert Iris Marion Young die Differenzen zwischen humanistischen und "gynozentrischhen“ Konzepten, Catherine A. MacKinnon plädiert für eine radikalfeministische Epistemologie, die den verschleierten Machtanspruch und den politischen Gehalt des Prinzips der Objektivität offenlegt, Gedanken die auch in anderen Beiträgen (Sheila Rush, Louise Marcil-Lajcoste) eine wichtige Rolle spielen. Feministische Theorie ist zunächst und vor allem Wissenschaftskritik, die in diesem Buch exemplarisch an vier Wissenschaftsdisziplinen vorgeführt wird: Die Biologin und Physikerin Evelyn Fox Keller kritisiert die erkenntnistheoretischen Modelle der Naturwissenschaften. Ruth Hubbard untersucht die Darwin’sche Evolutionstheorie, die eine traditionelle Geschlechterordnung widerspiegelt. Gerda Lerner fragt nach dem Platz der Frauen in der Geschichte und Dorothy Smith sucht nach einer Soziologie für Frauen. Die Kritik an einzelnen Wissenschaftsdisziplinen fuhrt konsequenterweise zur Kritik an den androzentrischen Prämissen des traditionellen Verständnisses von Rationalität: "Die Vernunft ist auf dem Prüfstand Seyla Benhabib formuliert Ansätze zu einer feministischen Moraltheorie. Jessica Benjamin analysiert in den Phantasien erotischer Unterwerfung den Zusammenhang von Herrschaft und Knechtschaft, der auch in Eva Feder Kittays Beitrag über "Pornographie und die Erotik der Herrschaft zentrales Thema ist. Die poetischen Reflexionen Susan Griffins über den "Weg aller Ideologie" bilden als Epilog das Komplement zur begrifflichen Auseinandersetzung mit der Erkenntnis, daß" wir Vielleicht das Denken neu lernen" müssen.

Ein wichtiges Buch, das hoffentlich die deutschsprachige Diskussion beeinflußt.

 

Denkverhältnisse. Feminismus und Kritik. Hrsg. v. Elisabeth List und Herlinde Studer. Frankfurt: Suhrkamp, 1989.587 S. (Edition Suhrkamp 1407)