Trotz wachsender Einsicht in das Zerstörungspotential des Automobils ist das Ende der motorisierten Gesellschaft nicht in Sicht. Im Gegenteil, zunehmende Zulassungszahlen und Hubraumgrößen strafen die bessere Einsicht Lügen. Und trotzdem kommen die Bremer Soziologlnnen im Anschluß an das Forschungsprojekt "Reduzierung des Automobilverkehrs" zu dem Ergebnis, daß verstärkt ein Lebensstil Konturen gewinnt, "der Modernität an den Nichtbesitz eines Autos, an die Befreiung vom Automobil knüpft" . Zunächst werden verkehrspolitische Maßnahmen für eine stadtverträgliche Mobilität diskutiert, die nur bei konsequenter und kombinierter Anwendung wirksam werden. Genannt werden Zufahrtsbeschränkungen, die Förderung der öffentlichen Verkehrsmittel. die "Stadt der kurzen Wege" oder Fahrradfreundlichkeit. Eine Reihe positiver Beispiele (Zürich, Zermatt) bleiben im Sinne der Zukunftsvision einer autofreien Stadt nicht unerwähnt. Ausführlich berichten die Autorinnen über die Erfahrungen von sechs Bremer Familien mit einem probeweisen Verzicht auf das Automobil. Das überraschend positive Ergebnis: Fünf Familien verkauften ihr Fahrzeug, haben aber die öffentlichen Verkehrsmittel kaum stärker frequentiert als zuvor. Der ursprüngliche "Verzicht" wandelte sich "in einen Gewinn an zeitlichen, räumlichen und sozialen Qualitäten des Alltagslebens ", Festgestellt wurde, "daß weder die individuelle Mobilität noch die Mobilität im Sinne der Erreichbarkeit der Ziele" eingeschränkt war. Auf Basis der Ergebnisse dieser Untersuchung werden Tipps für „Umstiegsbereite" angeboten. Unter dem Motto "Von alten Gewohnheiten zu neuen Routinen" wird festgehalten, daß der Umstieg in den Ausstieg geübt bzw. gelernt werden muß. Erleichtern können diesen eine Bestandsaufnahme der alten Verkehrsgewohnheiten, die Transparenz des Kostenfaktors und Überlegungen, welche praktischen Konsequenzen sich ergeben. Aus der Serie autokritischer Bücher ein konkreter Lichtblick in eine andere Mobilitätszukunft. A.A.

Burwitz, Hiltrud; Koch, Henning; Krämer-Badoni, Thomas: Leben ohne Auto. Neue Perspektiven für eine menschliche Stadt. Reinbek b. Hamburg: Rowohlt, 1992. 220 S. (rororo aktuell; 13123) DM 12,90 / sFr 10,90/ öS 100,60