Nach "Ausfahrt Zukunft" (Heyne, 1990) legt der in München wirkende Biologe und Systemkybernetiker Frederic Vester eine ergänzende Studie zu einem der wohl brisantesten Themen unserer Zeit vor. Denn man kann es drehen und wenden wie man will: Mobilität droht aufgrund der zunehmenden Gegensätze von Anspruch und Wirklichkeit zu einem der Sprengsätze unserer Gesellschaft zu werden. Wenn Vester die herkömmlichen Konzepte automobiler Ideologie scharf kritisiert und zugleich überzeugend vermittelt, daß es - vor allem auch durch Einbeziehung der betroffenen Bürger darum geht, durch "Mobilität im Kopf" eine tiefgreifende Metamorphose im Verbund von Fahrzeug, Verkehr und Industrie nicht zuletzt durch wachsenden Druck auf die Verantwortlichen zu verwirklichen, so sind das keine Leerformeln.

Denn ausführlich und auch für Laien nachvollziehbar weist Vester auf den Teufelskreis hin, wonach in Sachen Verkehr stets das Angebot die Nachfrage regelt, und demnach neue Straßen zu stets höheren Belastungen führen; er verdeutlicht das Mißverhältnis von Aufwand und Funktion im Automobilbau und scheut nicht davor zurück, kontraproduktive Gesetze   als wesentliche Mitverursacher der Misere zu benennen. (Daß vermutlich mehr als 40 Prozent des LKW-Verkehrs in der EU staatlich subventionierte Leerfahrten sind, kann wohl nur als umwelt- und gesellschaftspolitischer Irrsinn bezeichnet werden.) Mit Sicht auf die komplexen, aber doch nachvollziehbaren Zusammenhänge von Verkehr, Gesundheit. Städtebau, Tourismus, Wirtschaft und Umwelt ergeben sich die Perspektiven einer tragfähigen Entwicklung. Vester belegt, daß geänderte Rahmenbedingungen einer ökologischen Steuerreform und ein Benzinpreis von acht DM pro Liter (!) dem Bedürfnis nach Mobilität für alle nachkämen und darüber hinaus der Wirtschaft zuträglich wären, da diese sich neue, sinnvolle Aufgaben und Märkte erschließen würde.

Die Palette reicht dabei von kybernetisch konzipierten Individualfahrzeugen mit dem Anforderungsprofil “langsarn. leise, leicht und lustig" über logistisch aufeinander abgestimmte Verbundkonzepte für den öffentlichen Nah-, den Bahn-. Flug- und Güterverkehr bis hin zu einem Plädoyer für "öffentliche Wechselautos ", "rollende Bürgersteige", Schwebebahnen u. a. m. Angesichts der Fülle denk- und machbarer Alternativen ist Vester wohl zuzustimmen, wenn er das Buhlen der Strategen überholter Konzepte um den chinesischen Markt scharf kritisiert, da dies "auf ein Verbrechen an der Menschheit hinausläuft".

WSp.

Vester, Frederic: Crashtest Mobilität. Die Zukunft des Verkehrs. Fakten - Strategien - Lösungen. München: Heyne, 1995.384 S., DM/sFr39,80/öS 311