Beschleunigung und Zeitgewinn durch Mobilität sind Leitideale der Moderne. Die ökologischen Folgen unseres Umgangs mit der Zeit wurden bisher kaum thematisiert. Ein Projekt an der Evangelischen Akademie Tutzing hat dazu Überlegungen angestellt, die im vorliegenden Band dokumentiert werden. Ausgegangen wird von der These, daß die ökologische Krise In der Vernachlässigung der zentralen Bedeutung der Zeitdimension eine ihrer Wurzeln hat. In seinem Beitrag beschreibt Martin Held, Mitglied der Enquete-Kommission zum "Schutz des Menschen und der Umwelt" die notwendigen Aufgaben als sehr weitreichend: "Es geht darum, den Zeitskalen der verschiedenen Arten und Ökosysteme, aber auch der gesellschaftlichen Systeme nachzuspüren, angemessene Geschwindigkeiten und angemessene Rhythmen des Wechsels von Aktivität und Ruhe in allen Lebensbereichen und Formen des Wirtschaftens zu suchen und. zu finden." Er schildert die Entwicklung von der natürlichen zur abstrakten Zeitordnung und ortet zeitrelevante ökologische Probleme in der Maßlosigkeit, im Verlust der Erkenntnis der natürlichen Zeitrhythmen. im Ignorieren der Zeitskalen von Arten und Ökosystemen sowie in unseren Vorstellungen der Grenzenlosigkeit. In weiteren interessanten Beiträgen werden das Problem der herrschenden Zeitbegriffe in unterschiedlichen Zusammenhängen wie "Zeit als Lebensraum '', "Strategie der Dauerhaftigkeit", "Grundrhythmus des Lebens" oder" Innere Uhren und Arzneimitteltherapie" beschrieben. Der Klimaforscher Hartmut GraßI belegt mit Beispielen aus dem Bereich regionaler und globaler Umweltveränderungen, daß sich aufgrund lanqfristiger natürlicher Abläufe die Wirkungen von Umweltmaßnahmen (FCKW-Verbot, Klimaschutz) der Beobachtung entziehen. Für Günter Altner erfordert ein bedachtsames und ehrfürchtiges Voranschreiten in der Zeit, "das von der rücksichtslosen Entfaltung technisch-ökonomischer Produktivkräfte zu sozialer und ökologischer Gestaltung führen könnte", u.a. die Pluralität von Zukunftsentwürfen und die Mobilisierung eines neuen Zusammenhangwissens. Insgesamt wird die Notwendigkeit einer kreativen Weiterentwicklung der kulturellen Zeitordnung, die wieder die Bezüge zur natürlichen Zeltordnung entdeckt, deutlich. A. A.

Ein Beitrag des Buches nimmt bezug auf den Bildband, auf den hier ebenfalls verwiesen sei: Kirchhof-Stahlmann, Renate: Zeiten. Zeitmaschine - Maschinenzeit, Zeitenwende - Wendezeit. Würzburg: Ergon-Verl., 1993.

 

Ökologie der Zeit. Vom Finden der rechten Zeitmaße. Hrsg. v. Martin Held ... Stuttgart: Hirzel (u.a.), 1993. 185 S. (Edition Universitas) DM 38,- / sFr. 32,20 / öS 296,40.