Neue Wege in der Arbeitszeitpolitik

Ausgabe: 2001 | 4

Auf 70.000 Stunden Lebensarbeitszeit kommt gegenwärtig jemand, der Zeit seines Lebens vollbeschäftigt war (Diese Berechnung geht vom europäischen Durchschnitt von ca. 43 Beschäftigungsjahren aus). 50.000 Stunden würden jedoch genügen, was einer radikalen Arbeitszeitverkürzung um 25 Prozent entspräche, meinen die Herausgeber dieses Bandes. Das klingt zukunftsweisend, immerhin ist der Mitherausgeber Reiner Hoffmann Direktor des Europäischen Gewerkschaftsinstituts, mit dessen Unterstützung der Band erstellt wurde . Diese Zielgröße reicht bald an das heran, was Jean Fourastié bereits 1965 und in den 80er Jahren sein Landsmann André Gorz gefordert haben, die von 40.000 Lebensarbeitsstunden ausgingen.

Neu an der Position des Europäischen Gewerkschaftsinstitutes ist, dass nicht mehr (nur) die weitere Reduzierung der Wochenarbeitszeit (35, 30, 25 Wochenstunden) anvi-siert wird, sondern die Lebensarbeitszeit in den Mittelpunkt tritt. Die Herausgeber sprechen von einem „Um-denken der Gewerkschaften“ in vielen europäischen Ländern. Sie nennen auch die Gründe: Stärkung der Solidarität (Personen, die vom Arbeitsmarkt ausgeschlos-sen sind, erhalten die Möglichkeit des Wiedereinstiegs), neue Formen der Arbeitsorganisation (Flexibilität auch für ArbeitnehmerInnen), Humanisierung und Demokrati-sierung der Arbeitswelt (mehr Wahlfreiheit, Aufbau eines Bürgerbewusstseins am Arbeitsplatz), Vereinbarkeit von Arbeit und Familienleben (keine Benachteiligung jener Frauen und Männer, die Familienpflichten haben) und schließlich Chancengleichheit zwischen den Geschlechtern.


Im vorliegenden Band werden - ausgezeichnet recherchiert, wenn auch nur den Stand bis etwa 1999 abdeckend - Beispiele innovativer Arbeitszeitmodelle sowie einschlägige arbeitsrechtliche Regelungen in einzelnen EU-Ländern dargestellt. Informiert wird über Teilzeitmodelle als Bestandteil eines Lebensarbeitszeitkonzeptes (Beispiele Niederlande und Spanien), über „bezahlte Freistellungsmodelle“ (Bildungskarenzen, Sabbaticals usw.) und ihre bildungs- und arbeitsmarktpolitische Be-deutung sowie über „flexible Ruhestandsmodelle“. Der Bildungsurlaub, der etwa in Finnland jährlich von über 50.000 ArbeitnehmerInnen beansprucht wird, sei auf dem besten Weg, so meint Tom Schuller, Direktor des Zentrums für Weiterbildung in Edinburgh, „ein allseits akzeptierter Teil der Arbeitsbedingungen zu werden“ (S. 165). Änderungen seien aber nicht nur in der betrieblichen Praxis und in den Bildungseinrichtungen erforderlich, „sondern auch in unseren sozialen Sicherungssystemen und generell in unseren kulturellen Einstellungen und Normen“ (ebd.) Die Analysen zeigen, dass sich betriebliche Freistellungs- und Fortbildungsmodelle eher durchsetzen als betriebsunabhängige Auszeiten.


Der Beitrag über „flexible Ruhestandsmodelle“ zeigt gelingende Wege auf, wie der „vorzeitige“ (Frühpension) durch den „gleitenden Übergang“ in den Ruhestand etwa durch Teilruhestandsregelungen (BRD, Österreich u.a.) ersetzt werden kann. Schweden hat auf diesem Weg eine Beschäftigungsquote der 55-64jährigen von über 60 Prozent erreicht und ist damit EU-Spitzenreiter (der EU-Durchschnitt liegt bei 35 Prozent). Der Beitrag gibt zugleich einen interessanten Überblick darüber, wie einzelne EU-Staaten begonnen haben, ihre Pensionssicherungssysteme an die demographischen Veränderungen zu adaptieren. Die Palette reicht hier von der Ergänzung der Umlageverfahren durch betriebliche und private Vorsorgen über die Ausweitung der Berechnungszeiten bis hin zur Bindung der Rentenbezüge an die geleisteten Beiträge (vorzeitiger Ruhestand bedeutet geringere Rentenbezüge und umgekehrt; etwa Italien seit 1995, mit Abschwächungen für Arbeiter ab 1998).


Der Band bietet spannende Zukunftswege für eine an der Lebensqualität der Menschen orientierte Arbeitsorganisation und ist allen in der Sozial- und Gewerkschaftspolitik Tätigen zu empfehlen. H. H.

Bei Amazon kaufenNeue Wege in der Arbeitszeitpolitik. Lebensarbeitszeit und neue Arbeitsorganisation. Hrsg. v. Jean Yves Boulin ... Münster: Westfälisches Dampfboot, 2001. 196 S., € 24,50 / DM / sFr 48,  / öS 337,70