Seit zwanzig Jahren setzt sich die Reihe "Die Frau in der Gesellschaft" des Fischer Verlags für eine offene Diskussion innerhalb der Frauenbewegung ein. Die aus Anlaß dieses Jubiläums erschienenen 26 Essays informieren über Frauen und Macht, Wirtschaft, Politik, Emanzipation und den Geschlechterkampf.

"In welchem Kriegszustand leben wir, daß wir mit gesenktem Kopf die Mauern entlang schleichen und ein Leben lang Angst haben müssen beim Nachhausegehen, Ausgehen, Spazierengehen? ...Und warum machen wir das alles mit. warum wehren wir uns nicht?" Dies schrieb die französische Feministin Annie Cohen in der ”Emma" vom Juni 1977. "Frauen schlagen zurück, aber nicht politisch, nicht öffentlich, nicht organisiert, sondern indem sie einen Selbstverteidigungskurs besuchen", so die Feministin Ingrid Strobl heute selbstkritisch. "Frauen wollen nicht mehr länger die Dienerin ”Den Mannes sein aber sie riskieren ihre Beziehung nicht. indem sie darauf bestehen, daß die Hausarbeit geteilt wird, sondern leisten sich eine Haushaltshilfe." (S. 28) Und doch gebe es kompetente Frauen, "die sich gelegentlich auf einem ,Weiberabend' amüsieren, die bitterböse, ironische LeserInnenbriefe oder kluge Bücher schreiben, die sich immer noch keine Strapse gekauft haben, die daran basteln, Pornoanbietern im Internet kleine Viren zu schicken, und es gibt sogar welche, die sich die Hausarbeit mit ihrem Mann teilen" (S. 35).

Daß der Gedanke der Gleichheit zwischen den Geschlechtern, der Gleichberechtigung von Frauen und Männern, für die Befreiung der Frauen völlig untauglich sei, führt Claudia Pinl in ihrem ironisch übertitelten Beitrag "Vom schwachen Geschlecht über das starke Geschlecht zu gar keinem Geschlecht" aus. Denn das Ziel dieser Gleichheit sei Anpassung an das männliche Modell: "Die emanzipierte Frau tut alles, was der Mann tut. öffentlich all das nicht was der Mann nicht tut. und außerdem im Verborgenen all das, was die traditionelle Frau tut." (S. 107) Weibliche Freiheit könne hingegen nur entstehen, wenn die sexuelle Differenz wiederhergestellt werde, die falsche Symbolik der menschlichen Einheit wieder zur Zweiheit hin aufgelöst wird.

Dennoch: Noch lange nicht erreicht ist die Gleichstellung der Frau im Berufsleben: "Für Väter ist die Vereinbarkeit von Kindern und Karriere auf den ersten Blick kein Problem. Sie haben schließlich eine Frau zu Hause." (Helga Dierichs, S. 159) Maja Langsdorff sieht dabei aber auch Anteile bei den Frauen selbst: Solange sie "mit sich selbst beschäftigt sind, werden sie Männern nicht gefährlich" (So190). Wie die Diskriminierung der Frauen fortdauert, machen mehrere Beiträge an konkreten Zahlen deutlich. Zwei Beispiele: Auf Mißhandlung der Ehefrau stehen in Kalifornien bis zu ein Jahr Gefängnis und 1000 Dollar Geldstrafe, Tierquälerei wird mit bis zu einem Jahr Gefängnis und 20.000 Dollar Buße belegt. Frauen leisten zwei Drittel der Arbeit auf dieser Welt. Dafür bekommen sie ein Zehntel des Lohns. Einem UNESCO-Bericht zufolge, halten Frauen nur ein Hundertstel des WeItvermögens, während 99 Prozent aller Güter im Besitz von Männern sind. (Luise F. Pusch, S. 134)

Der Band zeigt daß die Frauenfrage zu einer Frage der gesamten Gesellschaft geworden ist und die Bereitschaft zu grundlegenden Veränderungen erfordert. Denn Gleichberechtigung zu predigen und, wenn es am Arbeitsmarkt zu eng wird, die Frau wieder heim an den Herd zu verbannen, bringt wohl nicht den gewünschten Schritt nach vorne.

K.K.

Was Frauen bewegt und was sie bewegen. Hrsg. v. Ingeborg Mues. Frankfurt/M.: Fischer, 1998. 372 S., DM 18,- / öS 140.50 / sFr 18.-