Dieser Band versammelt Materialien eines im Sommersemester 1993 (also nach der Welle von Gewalt gegen Ausländer in Deutschland) am Trierer Zentrum für europäische Studien durchgeführten interdisziplinären Seminars zur Frage nach Rahmenbedingungen, unter denen in Europa Gewalt gegen Minderheiten möglichst unwahrscheinlich wird. Bernd Hamm, der Leiter des Zentrums, beginnt den Band mit grundsätzlichen Überlegungen zu Migration, Pull- und Push-Bedingungen, der Genese von Minderheiten und statuiert zwei Eingangsthesen: die Notwendigkeit des Teilens und das Leben-Lernen in multikulturellen Gesellschaften. Matthias Schmitt erörtert hierauf historisch und rechtsphilosophisch Begriffe wie Republik, Nation, Rasse, Ethnie, analysiert die Wahrnehmung des "Fremden" entlang kultureller und soziobiologischer Kriterien, beschreibt Konzepte des politischen und des ethischen Nationalstaats und beurteilt die Chancen für multikulturelles Zusammenleben unter den gegenwärtigen ökonomischen Bedingungen insgesamt skeptisch.

Tanka Pilger beschreibt historisch und aktuell die deutsche Ausländer- und Asylpolitik, deren Scheitern sie bereits in einem verfehlten Ansatz begründet sieht. Rita Paffhausen vergleicht das (restriktive, vergangenheitsorientierte) deutsche mit dem (liberalen) niederländischen 'Staats- und Einbürgerungsrecht. Soraya Moket erörtert die Multikulturalismuspolitik in Frankreich, die zunächst pragmatisch ausgerichtet war, parallel mit den wachsenden wirtschaftlichen Schwierigkeiten aber immer ausländerfeindlicher wurde. Christoph Oik untersucht die Einwanderungssituation in Spanien, das sich eher als Auswanderungsland versteht und (daher?) eher großzügige Regelungen kennt. Einen ausführlichen Vergleich der sozialen Lage von Ausländern für die Staaten Großbritannien, Frankreich, Belgien, Niederlande, Schweiz und Schweden stellen Katrin Schlinke und Carrnen Schneider an.

Bernd Hamm gibt einen Uberblick über die kanadische Multikulturalismuspolitik, die von der Auseinandersetzung zwischen den Positionen „melting pot" und "cultural mosaic" bestimmt ist. Simona Thomas berichtet über nationale Minderheiten in der Volksrepublik China mit dem Konflikt zwischen den 55 offiziell anerkannten Nationalitäten und dem Selbstverständnis eines einheitlichen Vielvölkerstaats. Abschließend schreibt Erwin Busch über "Zigeuner in Europa", denen seit ihrem ersten Auftauchen im 12. Jahrhundert noch nirgends der Status einer nationalen Minderheit zuerkannt wurde. Das Buch ist eine ganz wichtige Initiative, indem es erstmals für den deutschen Sprachraum einen systematischen Überblick über die europaweit aktuelle Frage des Multikulturalismus und des Umgangs damit gibt.

W R.

Multikulturalismus. Hrsg. v. Manuela ReinarzTrier: Univ. Trier, 1994, 214 S. (Schriftenreihe des Zentrums für europäische Studien 14). DM 10.- / sFr 8,50/ ÖS 78,-