Erste Gefechte an den Bastionen der Festung Europa lassen erkennen, dass eine auf Abschottung bedachte Politik versagen muss, wo schon im Inneren manche Lunte unkontrollierbar brennt. Das an Ereignissen wahrlich nicht arme Jahrhundert steht an seinem Ausgang vor einer neuen Herausforderung, die sich als eine der zentralen Zukunftsfragen ausnimmt: Nicht ob es eine multikulturelle (Welt)Gesellschaft geben wird, steht zur Disposition, sondern vielmehr die Form ihrer Entwicklung. Angesichts von weit mehr als 100000 Asylanten pro Jahr und der Tatsache, dass die Zahl der deutschstämmigen Bundesbürger bis zum Jahr 2030 um einige Millionen sinken wird, ist die Frage, ob die BRD ein Einwanderungsland sei. oder aber gar nicht erst werden dürfe, längst entschieden. Und doch ist die Auseinandersetzung mit der erstarkenden Neuen Rechten (auch in Frankreich) eine zentrale Aufgabe. Dem Herausgeber, dessen abschließender Aufsatz im Kreis der sechzehn Beiträge besonders hervorgehoben sei, ist hoch anzurechnen, dass er nicht nur dem Streitgespräch (Asylanten Hilfsorganisation "SOS Rassismus "/Nationale Front) und konservativ-rechter Argumentation (R. Kosiek) Raum gegeben hat. Daneben findet man auch Plädoyers zur Toleranz gegenüber fremden Religionen (Islam, Judentum) und die Warnung vor der Verabsolutierung des "egalitären Weltbildes der westlichen Gesellschaften". Mehrfach werden Vielgestaltigkeit, Gleichwertigkeit und das dynamische Veränderungspotential aller Kulturen als Voraussetzung kontrollierter Entwicklung genannt: Wo das Projekt "Multikulturelle Gesellschaft" indes mit reibungslosem Nebeneinander des Verschiedenartigen verwechselt, die Notwendigkeit und Bereitschaft zur Auseinandersetzung nicht bedacht wird, gerät die Gestaltbarkeit der Zukunft in Gefahr.  Die Kälte und Fremdheit, die eine wachsende Zahl von Menschen im eigenen Land fühlen, ist in erster Linie nicht den ethnischen Minderheiten aus anderen Kulturkreisen, sondern unserer Gier nach materiellem Wohlstand zuzuschreiben. Ihretwegen kommen die Hoffnungslosen und Zornigen fordernd auf uns zu, und sind wir selbst dabei, unsere Heimat zu verwüsten. 

Multikultopia. Hrsg. v. Stefan Ulbrich. Gedanken zur multikulturellen Gesellschaft. Wölflau: Arun-Verlag, 1991. 352 S., DM 39,80/ sFr 33,70 / öS 300,-