Wir versetzen wahrhaftig Berge und sind dabei, die Welt aus den Angeln zu heben: Jahr für Jahr verbraucht jede(r) Deutsche im Durchschnitt 80 Tonnen (I) Natur, um die Vielfalt materieller Bedürfnisse - von der Dose Bier bis zur Urlaubsreise - zu befriedigen. Zieht man zudem in Betracht, daß trotz intensiver Bemühungen im Bereich der Kreislaufwirtschaft nach nur einem Jahr bereits 80 Prozent der Produkte aus der Technosphäre ausgeschieden sind - selbst vom wertvollen Gold bleibt nach 15 Recyclingdurchgängen nur 1 Prozent der ursprünglich vorhandenen Menge verfügbar -, kann man dem Autor wohl nur beipflichten: Die "klassische Umweltpolitik ist am Ende" und muß ergänzt werden (S. 26). Das dringendste Problem auf dem Weg zu einer ökologisch und sozial tragfähigen Zukunftsgestaltung, die vor allem auch den legitimen Bedürfnissen jener 4/5 der Menschheit Rechnung trägt, die außerhalb der Wohlstandszonen leben, ist die ,,Verringerung der Stoffströme, die wir mit technischen Hilfsmitteln auf diesem Planeten in Bewegung setzen" (S. 26). Für eine Gewichtseinheit reinen Goldes sind es unvorstellbare 539.254 Tonnen, die bewegt werden müssen, und der "Ökologische Rucksack" von Kupfer beträgt immer noch stattliche 1:500.

Daß die "Dematerialisierung" der Wirtschaft um den Faktor 10 bzw. die Produktion der 10fachen Menge an langlebigen Gebrauchsgütern aus der Menge heute verwendeter Ressourcen machbar ist, haben der Autor und seine Mitarbeiter am Wuppertal-Institut zum einen anhand zahlreicher Einzeluntersuchungen (mit einer Reihe teils überraschender Ergebnisse) wie vor allem auch mittels einer plausiblen Berechnungsmethode bewiesen: Auf Basis der für jedes Produkt (mehr oder minder genau) berechenbaren "Materialintensität Pro Serviceeinheit (MIPS) - beispielhaft in diesem Buch für einem Bürosessel durchgerechnet und im Anhang für viele industrielle Grundstoffe und einzelne Gebrauchsartikel angeführt -leitet der Autor Richtlinien für eine "Systemerhaltungsgesellschaft" ab. lhre Maxime: "Jeder Material-, jeder Energie- und jeder Flächenverbrauch sollte technisch so gestaltet sein, daß mit möglichst wenig Natur ein Maximum an Dienstleistungen erbracht und damit Wohlstand erzeugt wird:' (S. 264) Ziel ist der "ökointelligente Endnutzer" der sein ,,Wohlbefinden und seine Sicherheit durch eine an maximalem Nutzen orientierte Mischung dieser Leistungen sicherstellt" (S. 77f.). Dazu gehört seitens des Konsumenten z. B. die Verfügbarkeit (nicht aber der Besitz) der Dienstleistungen ”Transport" oder "Rasenmähen" - etwa könnte der Hausmeister für die Verfügbarkeit der Leistung auf Bedarf geld- und nervenschonende Dienste leisten. 

Mit der Ergänzung von MIPS durch kostenrelevante Faktoren (COPS) sowie der begründeten Erwartung, daß weitere Untersuchungen auch die Bedeutung des Flächenverbrauchs (FIPS) oder der gesundheitlichen Gefährdung (TOPS) in der Summe des zu minimierenden Naturverbrauchs einschließen werden, sind weitere Parameter des Konzepts "Faktor 10" vorgezeichnet. Daß es dazu auch eines Umdenkens der Wirtschaft bedarf - materialarme Technik erhöht den Unternehmenswert ebenso wie das Eindringen in "grüne" Marktsegmente (S. 269) -, die Förderung von "individueller Kreativität" (vgl, S. 217ff.) und politische Initiative-etwa die Einführung von Materialintensitäts-Zertifikaten (MIZ) - sowie steuernder Maßnahmen seitens des Staates (der EU?) unumgänglich sind (vgl. S. 273ff.), verdeutlicht dieser Band aufs eindringlichste. Ihn zu ignorieren, ist gleichsam fahrlässig.


W Sp.

Schmidt-Bleek, Friedrich: Das MIPS-Konzept. Weniger Naturverbrauch - mehr Lebensqualität durch Faktor 10. München: Droemer, 1998. 320 S. DM 39,80 / sFr 37,-/ ÖS 291,-