Um dem drohenden Kollaps der natürlichen Umwelt gegenzusteuern. bedarf es nicht nur einer grundlegenden Änderung von Politik und Wirtschaft auf globaler und nationaler Ebene, sondern auch eines kritischen Hinterfragens individueller Verhaltensweisen. Udo Baier, Professor für Hauswirtschaftslehre und Verbraucherpolitik, betont in dem vorliegenden Werk die Schlüsselfunktion, die dem Konsum ·als zentralem Faktor der gegenwärtigen Umweltmisere zukommt. Der Appell des Autors richtet sich deswegen einerseits an die ökonomische Vernunft des Konsumenten. Denn das rational handelnde Individuum, das vor jeder Kaufentscheidung eine nüchterne Kosten-Nutzen-Analyse durchführt, wird auch finanzielle Vorteile daraus ziehen. Andererseits wird die Konsumorientierung auch aus lebensphilosophischer Perspektive problematisiert. Nur zu oft soll der Wunsch nach immer mehr Waren und Dienstleistungen von einem sinnentleerten Leben ablenken und Probleme verdrängen. Bedürfnisse des einzelnen Konsumenten und das Angebot der Konsumgüterindustrie beeinflussen sich dabei oft wechselseitig. Doch nur selten geschieht dies zum Nutzen des einzelnen Verbrauchers und noch seltener zum Nutzen seiner Nachfahren und seiner Umwelt. Verlust an Kaufkraft und produktiv genutzter Zeit, Gesundheitsgefährdung und Rohstoffverknappung sind die Folgen hemmungslosen Konsumierens. Hier ist Konsum "fehlgeleitet". Stolze 51 Typen solcher Fehlentwicklungen kann der Autor des vorliegenden Buches herausarbeiten. Diese können freilich sehr unterschiedlicher Art sein. Zahlreiche Konsumenten sind zu Eigenleistungen im Haushalt kaum mehr in der Lage. Sie ernähren sich hauptsächlich von Fertiggerichten, statt Reparaturen durchzuführen, greifen sie zu Neuanschaffungen, verschmutzte Bekleidung wird zur Wäscherei gebracht. Dieser" Konsumpassivismus" läßt den Akt des Kaufens als solchen schon problematisch erscheinen. In vielen Fällen ist es aber nicht ein reales Bedürfnis, das eine Kaufentscheidung verursacht. Mangels sinnvoller Aktivitäten wird pure „Kauflustbefriedigung" betrieben. Der Drang nach Besitz läßt auch dann ins Regal greifen, wenn der heimische VorratskeIler oder Kleiderschrank schon prall qefüllt ist (" Haben-Wollen-Effekt "). Klarerweise versuchen auch die Unternehmen diese Tendenzen zu verstärken, indem sie den Waren in Werbung und Präsentation Eigenschaften zuordnen, welche die Frage nach dem Ge- oder Verbrauchswert in den Hintergrund treten lassen. Luxuriöses Ambiente, Markennamen, Perfektion und immer stärkere Spezialisierung führen zum immer häufigeren und immer tieferen Griff in die Geldtasche. Die Komplexität des Verbraucherverhaltens reicht vom opportunistisch motivierten "Mitläufer-Effekt", bis zum snobistischen Streben nach dem Besitz des Außergewöhnlichen C. Exklusiv-Effekt"}. Dieser Entwicklung durch Bedarfsreflexion und eine Problematisierung von Kaufwünschen ein Korrektiv entgegenzusetzen, ist die Zielsetzung der vorliegenden Publikation. Sie zeigt eindringlich, dass unser tägliches Handeln, ob wir nun mit dem Auto fahren, Fleisch essen oder sinnlos Müll produzieren, Folgekosten hervorruft und damit mehr ist als bloße Privatsache. G.S.


Baier. Udo: Der fehlende Konsum. Eine ökologische Kritik am Verbraucherverhalten. Frankfurt/M.: Fischer. 7993. 776 5., (Fischer alternativ; 77683) DM 76,90/sFr 74,40/ÖS 732