Editorial 1/1995

Die UNESCO-Division of Studies and Programming beauftragte mehrere Experten mit der Erstellung von bibliographischen Übersichten über aktuelle, zukunftsorientierte Literatur zum Thema Demokratie und die Menschenrechte. Mir fiel dabei die Recherche über die englischsprachigen Publikationen zu, die hauptsächlich in den USA erschienen sind. Das Ergebnis der Durchsicht von über hundert Büchern war eher irritierend, denn praktisch keiner der Autoren bezog sich in irgendeiner Weise auf einen anderen. Ganz im Gegenteil schien ein enger Egozentrismus vorzuherrschen, als ob jeder Autor seine Leser von seiner Originalität und Brillanz hätte überzeugen wollen. Niemand machte sich die Mühe, eine Summe zu ziehen. Es gibt sowohl gewichtigen Optimismus als auch Pessimismus über die Demokratie in den USA und auf der Welt. SAMUEL HUNTINGDON zeigt auf, dass die Welt gerade eine "dritte Welle" der Demokratisierung hinter sich hat, wobei etwa 30 Länder zu nominell demokratischen Regierungsformen übergegangen sind. Das hat erhebliche Konsequenzen für die Militärpolitik und den Frieden, da Demokratien einander nur selten militärisch bekämpfen. Viele Autoren weisen aber auf die Fragilität der neuen Regime und darauf hin, dass sie oft nur oberflächlich demokratisch sind. Aber es gibt auch Probleme in den demokratiepolitisch entwickelten Ländern.  CHARLES MAIER konstatiert in der Ausgabe Juli/August 1994 der Foreign Affaires, dass in allen "alten" Demokratien eine weitverbreitete Unzufriedenheit herrscht, dass solche" moralische Krisen der Demokratie" freilich periodisch auftreten, meist länger andauern und von "seismischen Verschiebungen der intelektuellen Orientierung und des sozialen Denkens" gekennzeichnet sind. Insbesondere in den USA. vielleicht einem Leithammel in solchen Fragen, gibt es großen Missmut und zahlreiche neue Denkansätze. So wird beobachtet. dass sich immer weniger Bürger die Mühe machen zu wählen, dass die denkenden Eliten zu abgehoben sind, dass der Kongress auf dem Weg zu einer Plutokratie ist. Eine Reihe von Autoren konzentriert sich auf den negativen Einfluss des Fernsehens: es zerstöre die Fundamente der Demokratie, verbilde die Bürgerschaft. schaffe bewusst Pseudorealitäten und schaffe so eine "Demokratie der Uniformierten", Zahlreiche Autoren legen Ideen vor, wie man Demokratie verbessern könne, Sie gehen aber dabei nur selten auf die Vorschläge anderer ein, obwohl viele dieser Ideen gemeinsam überlegt werden sollten: Nachbarschaftsversammlungen, nationale Referenden, Demokratie am Arbeitsplatz, postbürokratische Organisationsformen, die Dezentralisierung von Behörden, Interessenvertretungen für bislang nicht vertretene Gruppen, demokratiefördernde Politik, die Stärkung einer „Beratungsdemokratie" usw. Obwohl es also ein breites Spektrum an Verbesserungsvorschlägen für Demokratie gibt, werden doch auch etliche Hindernisse aufgezeigt. Eines der größten Probleme in diesem Zusammenhang ist die (vor allem bei Konservativen verbreitete) Anschauung, wir hätten doch eine und wir lebten doch in einer Demokratie, womit ein abgeschlossener und verwirklichter Zustand gemeint und nicht gesehen wird, dass Demokratie ein ständig Entwicklungen unterworfenes Ideal ist. Vielleicht die größte Gefahr für die Demokratie ist die Überschwemmung mit Informationen, die „Informationsflut". Insbesondere in den USA gibt es zu viele Autoren und Denker, aber zu wenig Zuhörer und Zusammenfasser (Robert Jungk hat sie "horizontale Denker" genannt). Es gibt jede Menge Wissen über die Probleme und die Perspektiven der Demokratie, vielleicht schon zu viel davon; aber wir haben zu wenig Kapazität, dieses Wissen zu verdauen und entsprechend zu handeln. Zudem muss dieses Wissen sowohl mit Informationen aus zahlreichen anderen Bereichen von öffentlichem Belang als auch mit der Flut trivialer Nachrichten und den Angeboten der Unterhaltungsindustrie konkurrieren. Vor einem Jahrzehnt hat NEIL POSTMAN davor gewarnt, dass wir "uns zu Tode amüsieren". Ich befürchte, dass seine Einschätzung zutrifft. Da wir uns der Jahrtausendwende nähern, wäre die Idee einer breit angelegten Weltkonferenz über die Produktion von Wissen und seine Distribution im 21. Jahrhundert" wohl einer Überlegung wert. Eine solche Konferenz sollte ernsthaft über Prioritäten in Bildung und Forschung, das nötige Gleichgewicht zwischen Generalisten und Spezialisten und darüber nachdenken, wie Wissen besser verteilt werden kann, um Demokratie und Menschenrechte zu fördern. Die gegenwärtige Situation einer immensen Zersplitterung des Diskurses über Demokratie unterstreicht massiv, dass wir eine solche Konferenz dringend benötigen.