Rat für nachhaltige Globalisierung

Ausgabe: 1995 | 2

Editorial 2/1995

Wir brauchen eine moralische Instanz glaubwürdiger und unabhängiger Personen als Gegenpol zur Kultur der Nicht-Nachhaltigkeit mit der Aufgabe, uns wachzurütteln aus der z. Zt. als realistisch geltenden "Weltanschauung eines etwas schläfrigen Geschäftsmannes nach einem guten Mittagessen" (C. K. Chesterton). Ich plädiere daher für einen" Rat der Weisen". Dieser Rat könnte die zahllosen Praktiken unseres Handelns auf vielen Gebieten aufzeigen und die dafür Verantwortlichen benennen. Um- und Nachwelt hätten so eine glaubwürdige Lobby. Denn nachhaltige Lebensstandards („lifestyles of modest sufficiency"). Selbstdisziplin und Verantwortungsübernahme können uns schwerlich von Institutionen abgefordert werden, die bisher eine Konsumkultur gefördert haben, die genau das Gegenteil predigt. Der Rat würde Mitmenschlichkeit und Solidarität rehabilitieren. Die Frage, welche Ökonomie wir uns ökologisch und menschlich leisten können, käme wieder auf die Tagesordnung. Die Forderung nach einem Globalen Rat der Weisen stammt vom Dalai Lama. Institutionen mit ähnlichen Ansprüchen existieren schon (Club of Rome, Earth Council). Aber ökologische Weisheit ist lokal verankert, orts- und naturverbunden. Die derzeitige "Globalisierung" hat in Wirklichkeit "nur einen Standard ..., eine Botschaft und ein Ziel, das der westlichen Wünsche und Wirtschaft" (Wouter van Dieren). Es geht also hier nicht um besseres globales Management, sondern um eine Rückbesinnung auf einer Ebene, wo wir die Folgen unserer Handlungen verstehen und uns daher mit den Konsequenzen auseinandersetzen können. Der langjährige Streit um den Standort der. (machtlosen) EU-Umweltagentur belegt exemplarisch den Stellenwert der Umwelt in der EU. Der Umweltschutz ist aber das Gebiet, wo in allen Ländern (nicht nur in der EU) große Mehrheiten für ein starkes supranationales Gremium zu finden sind mit Befugnissen und Mitteln, um grenzüberschreitende und national nicht lösbare Umweltgefahren in Europa abzubauen. Die Schaffung einer pan-europäischen Umweltbehörde würde die EU-Debatte um Vertiefung oder Erweiterung konstruktiv weiterbringen. Der Vorschlag, die Parlamente Europas einzuladen, Vertreter zu der Gründungsversammlung einer solchen Umweltunion zu senden, ist bereits in mehreren Ländern auf starkes Interesse gestoßen. Darüber hinaus brauchen wir auf globaler Ebene eine Institution, die die Rahmenbedingungen für eine nachhaltige Globalisierung festsetzt. Sie muss mit entsprechenden Mitteln und Befugnissen ausgestattet sein, auch um in Notfällen direkt eingreifen zu können. Der Rat sollte Teil der UN-Familie sein und könnte die Fazilitäten des soeben obsolet gewordenen Treuhandrates übernehmen. Die Ratsmitglieder sollten   - gesondert von anderen Voten - direkt gewählt werden, um so die erforderliche Legitimation zu erhalten. Um zudem sicherzustellen, dass die Rechte unserer Kinder nicht wie bisher externalisiert werden, müsste das Mindestwahlalter deutlich gesenkt werden. Der Rat wäre neben der Vertretung der Nationalstaaten (Generalversammlung) und des Geldes (Bretton Woods-Institutionen) als dritte Säule der UNO zu konzipieren. Er sollte mehrheitlich mit Vertretern der Völker des Südens besetzt sein und so gewährleisten, dass die Interessen der globalen Mehrheit nicht länger ignoriert werden. Hauptaufgabe des Gremiums wäre es, die Umsetzung eingegangener Verpflichtungen zu überwachen und, wenn nötig, durch Sanktionen zu forcieren. Das würde nicht mehr Souveränitätsverzicht verlangen, als wir durch die Aufrechterhaltung des" Freihandels" GATT bzw. WTO bereits akzeptiert haben. Institutionelle Reformen bieten natürlich keine Erfolgsgarantie. Wir wissen nicht, ob sich diese auf problemadäquate Maßnahmen einigen werden, oder "ob der große Augenblick auf ein zu kleines Menschengeschlecht trifft" (Ernst Bloch). Aber nur mit den entsprechenden institutionellen Strukturen haben die nötigen Reformen überhaupt eine Chance. Das Wahlrecht der derzeitigen Weltordnung verzögert eine Wende um vielleicht entscheidende Jahre. Wir stehen heute vor drei möglichen Szenarien:

  • „Globalisierung weiter so“ mit zunehmenden Verteilungskämpfen, gewaltsamer Unterdrückung der Verlierer, Anarchie, Öko-Kollaps
  • „Jeder für sich“: die Mehrheit der Verlierer blockiert die Globalisierung. Der Öko-Kollaps wird etwas verlangsamt, aber eine „de-linking“ von den Folgen des Lebensstils der globalen Eliten ist auf vielen Gebieten nicht möglich (Atom, Ozon, CO2 ...)
  • „Gemeinsame Strukturanpassung“: Einbeziehung der Interessen der marginalisierten Mehrheit, der Um- und Nachwelt in den Entscheidungsprozess.

Das Recht auf Umweltressourcen wäre nicht länger dem vorbehalten, der sie kaufen kann. Die weltweite Herrschaft des Geldes wäre zurückgedrängt auf einen Platz innerhalb der ökologischen, sozialen und kulturellen Ordnung unserer Gesellschaft. Die Suche nach globaler Fairness wäre nicht länger als angebliches Überbleibsel eines überholten Kollektivismus-Denkens verpönt, sondern Voraussetzung für unser gemeinsames Überleben.