
Im Genre der Zukunftserzählungen haben sich im Laufe der Geschichte verschiedene Formen entwickelt, von utopischen Entwürfen über dystopische Warnungen bis hin zu den von der Science-Fiction Autorität Isabella Hermann in diesem neuen Buch vorgestellten Anti-Dystopien.
Utopien, über die man seit Thomas Morus „Utopia“ (1516) redet, waren ursprünglich Entwürfe besserer oder gar perfekter Welten. Doch spätestens ab dem 20. Jahrhundert offenbarte ihre Umsetzung oft einen totalitären Charakter. Utopien neigen dazu, elitär zu sein und Personen, die nicht Teil der Vision sein wollen, auszuschließen. Das Erreichte wird autoritär verteidigt.
Ab dem 19. Jahrhundert wurden vermehrt Dystopien erzählt, diese boomen heutzutage. Eine Dystopie ist ein literarisch-künstlerisches Genre, das fiktionale Gesellschaften mit negativen Merkmalen wie autoritärer Herrschaft, Machtmissbrauch, Überwachung oder Unterdrückung beschreibt, so Hermann. Bekannte Beispiele sind Aldous Huxleys „Brave New World“ (1932) und George Orwells „1984“ (1948). Eine Vielzahl neuer Dystopien entsteht in der Gegenwart, die viele Menschen als „Polykrise“ – geprägt von Kriegen, Klimaerwärmung und gesundheitlichen Krisen – wahrnehmen. Beispiele für zeitgenössische Dystopien sind der Blockbuster „Mad Max: Fury Road“ (2015) oder die verfilmte Buchreihe „Die Tribute von Panem“ (2008-2010). Hermann berichtet aus der psychologischen Forschung von dem Problem, dass Dystopien Ängste und Abwehrmechanismen hervorrufen können, die zu Untätigkeit und Fatalismus führen.
Isabella Hermann hat aber ein neues, drittes Genre identifiziert: die Anti-Dystopie. Sie berichtet von Erzählungen, in denen sich Charaktere aktiv einer scheinbar aussichtslosen, negativen Situation entgegenstellen. In der Anti-Dystopie zeigen die Figuren „einen Sinn für Gerechtigkeit, Solidarität und den Glauben an die Möglichkeit positiver Veränderung, selbst inmitten schwierigster Herausforderungen“ (S. 21). Hermann merkt an, dass Anti-Dystopien ein gesellschaftliches Bedürfnis widerspiegeln, sich durch einen pessimistischen Blick in die Zukunft nicht entwaffnen zu lassen.
Kim Stanley Robinson „The Ministry for the Future“ als Schlüsselwerk
Als Schlüsselwerk für die Antidystopie nennt Hermann Kim Stanley Robinsons Buch „The Ministry for the Future“ (2020). Die Erzählung beginnt im Jahr 2025 und erstreckt sich bis zur Mitte des 21. Jahrhunderts. Obwohl die großen Herausforderungen wie die Klimakatastrophe keineswegs vollständig gelöst werden, gelingt den Akteur:innen durch komplexes, oft auch widersprüchliches Agieren beispielsweise eine deutliche Reduktion des CO2-Ausstoßes. Das Buch zeigt sowohl Rückschläge als auch Erfolge, neue Herausforderungen und Konflikte, immer wieder Episoden erfolgreicher Solidarität. Am Ende steht keine abgeschlossene Utopie, aber man hat Dinge erreicht. Im Mittelpunkt des Buches steht nicht das utopische Ziel, sondern die Auflehnung gegen das Dystopische, die Bereitschaft zur Reform, zur konkreten Verbesserung und zum Zusammenhalt, selbst angesichts überwältigender Probleme.
Hermann findet diesen Widerstand gegen das Dystopische auch in vielen anderen Werken: Cory Doctorows Roman „Walkaway“ (2017) spielt in Kanada Mitte des 21. Jahrhunderts, wo eine herrschende Wirtschafts-Elite merkt, dass der eigene Wohlstand auch ohne die anderen Menschen erhalten werden kann. Diese anderen Menschen widersetzen sich – übrigens hier auch durch technologische Innovationen.
Der Roman „Sordidez“ (2023) von E. G. Condé thematisiert das Anstreiten gegen koloniale Unterdrückung. In Octavia E. Butlers „Parable of the Sower“ (1993) wird ein Kalifornien beschrieben, das von knappen Ressourcen, Ungleichheit, Rassen- und Klassenunruhen sowie Gewalt geprägt ist. In marginalisierten Gemeinschaften regt sich aber Widerstand. Feministische Solidarität angesichts dystopischer Zustände findet sich in Sarah Halls Roman „The Carhullan Army“ (2007). Emily St. John Mandels „Station Eleven“ (2014) verhandelt anti-dystopisches Verhalten angesichts eines hochansteckenden, mutierten Schweinegrippevirus. Aiki Miras Roman „Proxi“ (2024) behandelt das Thema, wie Menschen angesichts der Klimakatastrophe in virtuelle Realitäten fliehen, wobei die Bildung von Gemeinschaften und gelebte Solidarität das antidystopische Gegenmodell darstellen. In Lisa J. Kriegs Roman „Drei Phasen der Entwurzelung: Oder die Liebe der Schildkröten“ (2022) geht es um Solidarität über die Grenze der menschlichen Spezies hinaus. Und ja: Es sind die Menschen, die Hilfe brauchen.
Die Anti-Dystopie als mächtiges Narrativ für gegenwärtiges Handeln
Für Hermann sind diese vielen Romane Beleg dafür, dass die Gesellschaft nach Erzählungen fragt, in denen die Dystopie nicht zu Passivität führt, sondern selbst angesichts überwältigender Probleme Solidarität und Zusammenhalt gelebt und den Herausforderungen entgegengetreten wird. Anti-Dystopisches Handeln definiert sie als den Versuch, „eine positive Veränderung eines (katastrophalen) Status quo hin zu mehr Gerechtigkeit für alle Menschen zu erreichen, hin zu einer Gemeinschaft, in der Menschen mitentscheiden und zusammenarbeiten, Unterschiede respektieren und Vielfalt als Bereicherung begreifen, hin zu einer Haltung, Veränderung nicht als Last, sondern als notwendigen Schritt zu begreifen“ (S. 94). Die Anti-Dystopie habe dabei das Potenzial, ein mächtiges Narrativ für gegenwärtiges Handeln zu sein. Hermann ist überzeugt, dass antidystopische Erzählungen in unserer Gesellschaft dazu motivieren können, auch angesichts einer Polykrise, gemeinsam aktiv zu werden. Dann ist die von ihr festgestellte Welle anti-dystopischer Romane ein gutes (Vor-)Zeichen.







