Das "Ende der Geschichte", es werde gewiß kein Happy-End sein, so meinte der Wirtschaftshistoriker Robert Kurz in seinem "Kollaps der Modernisierung". Der eisige zeitgeistige Wind, der derzeit die Entwicklungspolitik zu einem Randphänomen des Weltgeschehens degradiert, scheint diese Absage an den westlichen Siegestaumel in gewisser Hinsicht zu untermauern: Denn obwohl sich das Nord-Süd-Gefälle in den letzten Jahrzehnten stetig vergrößerte, scheint das "Dritte Welt"-Thema irgendwie einen Konjunktureinbruch erlitten zu haben. Darüber kann auch die entwicklungspolitische Diskussion nicht hinweggehen. Zehn Jahre nach Erscheinen der 1. Auflage (1985) legt Franz Nuscheler, Professor an der Gesamthochschule Duisburg für Politische Wissenschaften und Direktor des “Instituts für Entwicklung und Frieden" (INEF), eine überarbeitete und aktualisierte Fassung seines entwicklungspolitischen Lern- und Arbeitsbuches vor. Im Einleitungsteil werden die veränderten weltpolitischen Rahmenbedingungen (Ende der Bipolarität, Verschwinden sozialistischer Systemalternativen) skizziert und der Stellenwert der Entwicklungspolitik in der “neuen Weltordnung" verortet. Die in vielen Gesellschaftsbereichen diagnostizierte Entsolidarisierung trifft jene, die, wenn überhaupt, lediglich via Massenmedien im Alltag der wohlhabenden Nationen präsent sind, offensichtlich am härtesten. Doch bloßes Lamentieren ist Nuschelers Sache nicht. Der Autor analysiert vielmehr nüchtern Grundbegriffe wie "Armut", “Unterentwicklung" und "Entwicklung" vor dem Hintergrund unterschiedlicher Erklärungsansätze. Schon hier können Spannungsfelder von Entwicklungspolitik illustriert werden: “Sozialklauseln" im Welthandel etwa (wie u.a. Bestimmungen gegen Kinderarbeit) beschreiten in der Praxis zumeist einen schmalen Pfad zwischen Protektionismus und Menschenrechtspolitik. Anschließend werden "zentrale Welt- und Entwicklungsproblem" wie Hunger, Ökologie und Verschuldung ausführlich diskutiert. Dabei fällt auf, daß die Darstellung um multikausale Erklärungsansätze bemüht ist und es vermeidet, Patentrezepte zu formulieren. Kritisch hinterfragt werden auch die Interessen der Entwicklungspolitik der Geberländer, die nicht selten als staatliche Exportförderung in Erscheinung tritt. Ein Überblick zu den wichtigsten multinationalen und privaten Akteuren der Entwicklungspolitik bildet den Abschluß. Die Stärken und Vorzüge des zu Recht als Standardwerk geltenden Buches liegen einerseits in seiner Anschaulichkeit und Übersichtlichkeit begründet, andererseits in seinem Insistieren auf der notwendigen Diskussion von Entwicklungswegen, deren Ende etwas vorschnell verkündet wurde. G. S.

Nuscheler, Franz: Lern- und Arbeitsbuch Entwicklungspolitik. 4., völlig neu bearb. Aufl. Bonn: Dietz, 1995.560 S., DM/sFr 29,80/ÖS 233,