Die Vielfalt der einer gemeinsamen Zukunft in der einen Welt nachspürenden Beiträge macht die Spannung des vorliegenden Bandes aus. Vittorio Hösle, bemüht um eine "praktische Philosophie" und mit dem Basler Entwicklungssoziologen Klaus M. Leisinger Herausgeber dieses elf Autorinnen aus Nord und Süd versammelnden Werkes, plädiert darin für einen neuen Universalismus, der die Vorzüge der Moderne (Berechenbarkeit, Sicherheit des Lebens, Bildung) betont, deren negative Seiten (Heraufbeschwörung der ökologischen Krise, menschliche Kosten der Entwicklung, Scheitern der Modernisierung in vielen Ländern unter der Gefahr einer globalen Gewaltexplosion) aber nicht leugnet.

Seine Vorschläge: Stärkung der internationalen Institutionen, Abkehr vom Wachstumszwang und Aufbau einer WeItsozialpolitik. Letzteres greift Matthias Hartwig in seinem die ungleiche Repräsentanz von Erster und Dritter Welt in den internationalen Organisationen wie IWF, Weltbank oder UN-Sicherheitsrat problematisierenden Beitrag erneut auf, indem er eine völkerrechtliche Verpflichtung der reicheren Staaten, den ärmeren von ihrem Reichtum abzugeben, zur Diskussion stellt. Eine ausgezeichnete Analyse des Scheiterns bisheriger Entwicklungshilfe und Perspektiven einer zukünftigen Entwicklungszusammenarbeit gibt Thomas Kesselring von der Universität Bern. Sein Landsmann Klaus M. Leisinger thematisiert die Frage der sogenannten "good governance" und lenkt damit die Aufmerksamkeit auf die Entwicklungsbarrieren (Korruption, mangelnde Transparenz) in den Ländern des Südens selbst. Wie Kesselring plädiert er für eine Dezentralisierung der Entwickungspolitik und die Stärkung lokaler Institutionen.

Daß die westliche Demokratie nicht unhinterfragt von der Dritten Welt übernommen werden kann und soll, machen etwa der Inder Dhim L. Sheth, der für sein Land eine Renaissance von Gandhis “Dorfrepubliken" vorschlägt, sowie der Befreiungspädagoge Paulo Freire, der am Beispiel einer brasilianischen Anti-Armutsbewegung sein Konzept politischer Bewußtwerdung verdeutlicht, klar. Mit ihm halten auch Leonardo Boff und Marcos Arruda an einer Utopie jenseits des neoliberalen, kapitalistischen Weges fest, wenn sie von einer "Ökonomie des Ausreichenden" und einer an den Grundbedürfnissen der Menschen ansetzenden "integralen Demokratie" sprechen. Die Vorstellungen von einer Weltregierung, wie sie etwa A. M. Salm in, Direktor der Gorbatschow-Stiftung, in diesem Band vorschlägt, mögen unrealistisch oder vielleicht sogar gefährlich sein, doch sind wir auch noch weit entfernt von einer hier dargelegten Demokratisierung der Weltbeziehungen und der Entwicklung einer Weltethik, die die Versorgung aller Menschen mit dem Notwendigsten zu ihrem selbstverständlichen Zentrum macht und alles Handeln danach ausrichtet.

H. H.

Entwicklung mit menschlichem Antlitz. Die Dritte und die Erste Welt im Dialog. Hrsg. v. Klaus M. Leisinger ... München: Beck, 1995, 264S DM/sFr 38,-/ ÖS 296,50