Zwei entscheidende Fragen kehren in diesem, eine gemeinsame Tagung der Deutschen Stiftung für Internationale Entwicklung, der Evangelischen Akademie Arnoldshain und des Instituts für sozialökologische Forschung dokumentierenden Band mehrfach wieder: 1. die zunehmende Diskrepanz zwischen den wissenschaftlich zur Genüge erfaßten Krisenphänomenen und einem handlungsfähigen Krisenbewußtsein; 2. die Frage, wie und vor allem welche Bildung zur Entwicklung von letzterem beizutragen in der Lage wäre. Weder die Katastrophenbilder der Medien noch die Konstruierung einer Globalökologie, in der soziale und kulturelle Differenzen in "hochaggregierten Datensätzen " untergehen, bringe uns den notwendigen Änderungen näher, so Egon Becker vom DIW im einleitenden Beitrag. Sollen Umweltverteilungskonflikte in Zukunft verhindert werden, sei ein grundlegender kultureller Wandel im Norden, welcher die ökologische Effizienzrevolution durch eine Suffizienzrevolution ergänzt, unabdingbar. Eine Forderung, die er mit Ernst U. v. Weizsäcker teilt, der einmal mehr sein Konzept neuer Wohlstandsmodelle zur Diskussion stellt. Hans-Peter Dürr, der seine 1,5-Kilowatt-Gesellschaft skizziert, erhält Unterstützung von dem in Chile lehrenden Wissenschaftler Manfred Max-Neef. Ausgehend vom Konzept der common goods, weist dieser nach, daß, gemessen am Naturverbrauch, eigentlich die Industrieländer überbevölkert sind. Heftige Kritik an der "Bio-Politik" zur Begrenzung des Bevölkerungswachstums äußert Shalini Randeira, die das "Recht auf Selbstverfügung" des Menschen über sein Leben einfordert. Im Vordergrund stehen müsse die Verbesserung der Lebensqualität. Wie Sprache unser Denken und Wahrnehmen prägt, machen zwei Beiträge über die Begriffe" Risiko" (Gotthard Bechmann) und "Krise" (Constanze Eisenbart) deutlich. Letztere verweist, auf Georg Pichts "aufgeklärte Utopie" Bezug nehmend, auf die Bedeutung einer neuen Art von Bildung, die "Haltungen vermitteln (müßte) statt Inhalte, die rasch veralten" und auf die permanente" Reflexion der Folgen des Handelns" abstellt. Beeindruckend schildert der Erziehungswissenschaftler Horst Rumpf die Defizite der abstrakten, wissenschaftsorientierten Bildung in der westlichen Moderne und stellt dem eine Weltaneignung entgegen, die von menschlicher Praxis und Erfahrung ausgeht. Eben in diesem Sinne fordert schließlich Klaus Seitz das Erfahrbarmachen der "Kulturen des Südens als aktiven Teil der WeItgesellschaftt, welches die "fatale Katastrophendidaktik " früherer Jahre ablösen müsse. Wie der letztgenannte Beitrag, so macht der Band insgesamt deutlich, daß der Weltkrise nicht allein oder vielleicht gar nicht mit einem "globalen Management" des Planeten begegnet werden kann, sondern daß vielmehr die Hinterfragung der Paradigmen der westlichen Moderne nottut. Transkulturelles Lernen wäre somit die Chance, uns selbst mit dem Blick der anderen sehen zu lernen - und dies vielleicht der Anfang der notwendigen Wende! H. H.

Entwicklungsmodelle und Weltbilder. Hrsg. v. Eckhard Deutscher ... Frankfurt/M.: Societäts-Verl., 1995.308 S., DM/sFr 28,-/ÖS 218,40