Umsatzeinbrüche, Kurzarbeit, Massenentlassungen, Insolvenzgefahr und Staatshilfen in beispielloser Höhe: Kaum eine Branche ist von der derzeitigen Wirtschaftskrise so betroffen wie die weltweite Automobilindustrie.

 

In  „Roger and Me“ (1989), dem Erstlingswerk des damals arbeitslosen Journalisten und Selfmade-Dokumentaristen Michael Moore berichtet der Filmemacher über den glanzvollen Aufstieg und unbarmherzigen Fall seiner Heimatstadt Flint im Bundesstaat Michigan. Die Stadt wurde durch den Aufstieg von General Motors (GM) zu einer Hochburg der weltweiten Automobilindustrie. Fabriken, Wolkenkratzer und Infrastruktur boomten.

 

Doch in den 80er-Jahren strukturierte der Konzernchef Roger Smith GM trotz 19 Milliarden Dollar Gewinns – wohl in Erwartung noch höherer Renditen – massiv um: Automatisierung der Produktion und Auslagerung von Arbeiten nach Mexico und Asien kosteten 40.000 Menschen den Job. Eine derart große ´Freisetzung´ von Arbeitnehmern war damals beispiellos in der Welt. Michael Moore portraitiert in „Roger and Me“ nicht nur die tiefen Wunden, die dadurch seiner Heimatstadt zugefügt wurden, sondern richtet seinen Blick auch explizit darauf, wie die Menschen auf diese Situation reagierten. Die Arbeitslosigkeit kletterte in Flint auf 25% und hatte einen Rekordanstieg an Selbstmorden und Kriminalität zur Folge; 28.000 Menschen verloren nicht nur ihre Jobs, sondern auch ihre Häuser und Ersparnisse und mussten fortan – die Ironie des Schicksals – in ihren Autos ´wohnen´; in Hinterhöfen züchteten sie Hamster und verkauften diese als „Pets or Meat“ (Streicheltiere oder Fleisch), was Michael Moore zum Kommentar: „Zustände, wie in einem Entwicklungsland“ veranlasst. Vorrangiges Ziel von Michael Moore ist es, GM-CEO Roger Smith mit diesem Material zu konfrontieren, was weder im GM Hauptquartier in Detroit noch in diversen Yacht- und Golfclubs in denen der Konzernchef verkehrt, gelingt. „Roger and Me“ ist wohl eines der überzeugendsten Filmportraits eines schonungslos auf Shareholder-value ausgerichteten Wirtschaftsstils und der damit verbunden Auswirkungen.

 

 

 

Quo vadis Elektromobil

 

Ein komfortables, geräuschloses und abgasfreies Auto, dessen Beschleunigung viele Sportwagen übertrifft und dessen Styling und Handling nichts vermissen lässt? Eine Utopie, für die die Industrie wohl noch viele Staatshilfe-Milliarden und viel Entwicklungszeit brauchen wird? Denkste!

 

Ein Auto mit den vorhin beschriebenen Eigenschaften hat es unter dem Namen EV1 schon 1996 gegeben. Und zwar vom Hersteller General Motors. Ja, jenem Konzern der derzeit wegen seiner vollkommen verfehlten Modellpolitik (u. a. wegen der Ausrichtung auf benzinfressende Luxus-SUVs wie den Hummer) in den USA die größten Staatshilfen der Geschichte erhält.

 

Der EV1, eines der ersten in Serie erzeugten vollkommen praxistauglichen Elektrofahrzeuge, ist der ´Hauptdarsteller´ in Chris Paines Dokumentation  „Who Killed the Electric Car?“ (2006). Der Film zeichnet die Umstände nach, die zur Entwicklung, Erprobung und vor allem zur vorzeitig durch Interventionen der Erdölindustrie erzwungenen Verschrottung aller produzierten EV1 führten: 1990 erließ Kalifornien ein Umweltschutzgesetz, das die Automobilindustrie dazu verpflichtete, in ihren Modellportfolios auch emissionsfreie Modelle bereit zu halten (Zero- emission-vehicles). Mittels Klagen gelang es der Erdöl- und Automobilindustrie einen Passus im Gesetz zu verankern, wonach bei mangelnder Nachfrage nach emissionsfreien Autos diese Pflicht ausgesetzt würde. So entwickelte GM den EV1, ein praxistaugliches 2-sitziges Elektromobil mit 150 km Reichweite und einer Beschleunigung von 0 auf 100 km/h in nur 8 Sekunden (!) zu einem Preis zwischen 34.000 und 44.000 US-Dollar, nur, um den Wagen anschließend in der Öffentlichkeit regelrecht tot zu schwiegen. Es existieren kaum Werbe- oder Presseaussendungen, auf Interessensbekundungen wurde vom Konzern mit ‚negative campaigning’ reagiert. Kein Wunder also, dass Kalifornien das Gesetz über Zero Emission Vehicles im Jahr 2003 aussetzen musste. Doch damit nicht genug: Sämtliche EV1 wurden den Testpersonen (darunter auch Prominente wie Tom Hanks, Mel Gibson, Alexandra Paul und ein US-Senator), die ihre Zufriedenheit mehrmals mit überschwänglichen Aussagen kundtun, nach Beendigung der Testphase sogar mittels Polizeieinsatz (!) entzogen, um anschließend verschrottet zu werden.

 

Nachsatz: Auf der diesjährigen North American International Auto Show von 11. bis 25. Jänner 2009 zeigten fast alle Automobilkonzerne, darunter auch General Motors – Prototypen von Elektroautos, die sie bis voraussichtlich 2013 in Serienproduktion haben wollen. Und ab Mai 2009 soll bereits der Öko-Sportwagen Tesla-Roadster (0-100 km/h in 6 Sekunden und einer Reichweite von 360 km/Ladung) in Österreich auf den Markt kommen (www.teslamotors.com). T. H.