Der vorliegende Sammelband bietet einen aktuellen Überblick über Methoden, Themen und Entwicklungen der zukunftsorientierten Forschung im deutschsprachigen Raum. Der 70. Geburtstag von Rolf Kreibich, dem Gründer, Geschäftsführer und wissenschaftlichen Leiter des Berliner Instituts für Zukunftsstudien und Technologiebewertung (IZT) ist der Anlass für diese eigentlich längst überfällige Bestandsaufnahme in Buchform, denn der Zukunftsforschung wird – anders als der populistischen Trendforschung – zumindest im deutschen Sprachraum noch immer zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt.

 

Die fast fünfzig Beiträge des umfangreichen Werkes vermitteln einen Eindruck von dem Forschungs- und Handlungsfeld, das mit den Begriffen Zukunftsforschung und Zukunftsgestaltung umrissen ist. Der Band enthält Beiträge aus Deutschland, Österreich und der Schweiz; er versammelt WissenschaftlerInnen mit natur-, geistes- und sozialwissenschaftlichem Hintergrund; Artikel von Politikern und aus politiknahen Forschungseinrichtungen sind ebenso vertreten wie Beiträge aus Nichtregierungsorganisationen, Stiftungen und von engagierten Einzelpersonen. Zeitgenossen und Weggefährten Rolf Kreibichs kommen ebenso zu Wort wie NachwuchsforscherInnen. Viele der AutorInnen sind Mitglieder des 2008 gegründeten Netzwerks für Zukunftsforschung.

 

Die Probleme dieser Welt seien „un-diszipliniert“, und als problemgetriebenes und an der Praxis orientiertes Forschungsfeld verweigere sich Zukunftsforschung einer allzu umstandslosen Unterteilung entlang etablierter Disziplinen und gewohnter Kategorien, so die Herausgeber Reinhold Popp und Elmar Schüll vom Zentrum für Zukunftsstudien in Salzburg in der Einführung. Die Gliederung des Bandes folgt daher einer kursorischen Dreigliederung: Im ersten Abschnitt „Philosophie und Geschichte der Zukunftsforschung“ werden grundsätzliche, historische und erkenntnistheoretische Fragestellungen versammelt. Ein zweiter Abschnitt ist der Methodologie und Methodik der Zukunftsforschung und Zukunftsgestaltung gewidmet. Im dritten und umfangreichsten Teil werden schließlich einzelne Handlungsfelder – Mobilität und Verkehr, Globalisierung und Regionalisierung, Wissenschaft und Bildung, Ökonomie, Ökologie und Soziale Gerechtigkeit – angesprochen.

 

Auffallend sei, so bemerken die Herausgeber, dass Zukunftsforschung – zumindest was die hier versammelten Beitrage anbelangt  – sehr eng mit dem Leitbild einer nachhaltigen Entwicklung verknüpft wird. Dies und der häufig in den Vordergrund gerückte universelle Charakter („gewisser Hang zum großen Ganzen“) könne Zukunftsforschung ungewollt einschränken, meinen Popp und Schüll. Dem ist freilich entgegenzuhalten, dass gerade der ganzheitliche Blick auf die Welt bzw. die sich stellenden Herausforderungen eine Lücke im stark an Einzeldisziplinen orientierten Wissenschaftsbetrieb füllt und somit die Stärke von Zukunftsforschung ausmacht. Dies zeigen viele der Beiträge, nicht zuletzt jener über die Hinterfragung des ökonomischen Wachstumsparadigmas im Kontext einer sich rasch ausweitenden transnationalen Verbraucherklasse, den das JBZ-Team beisteuern durfte.

 

Der Band lebt von der Vielfalt der Ansätze und erörterten Themen; er kann in diesem Sinne zur Identitätsfindung der Zukunftsforschung im deutschsprachigen Raum Wertvolles beitragen. Als kleiner Wermutstropfen bleibt, dass nur wenige Beiträge – wie etwa jener von Thomas Haderlapp und Rita Trattnigg über „Zukunftsfähigkeit als partizipatorische Gestaltungsaufgabe“ – explizit auf den Geehrten Bezug nehmen. Daher sei hier abschließend auf eine aktuelle Zusammenfassung von Rolf Kreibich über seine Sicht von Zukunftsforschung verwiesen:

 

Kreibich, Rolf: Zukunftsforschung für die gesellschaftliche Praxis. ArbeitsBericht Nr. 29. Berlin: IZT - Institut für Zukunftsstudien und Technologiebewertung, 2008. Download unter www.izt.de.  H. H.

 

Zukunftsforschung und Zukunftsgestaltung. Beiträge aus Wissenschaft und Praxis. Hrsg. v. Reinhold Popp ... Berlin (u. a.): Springer-Verl., 2009. 709 S., € 93,40 [D], 96,20 [A], sFr 158,80

 

ISBN 978-3-540-78563-7