Kreislaufwirtschaft in der EU

Online Special

Am 2. Dezember 2015 hat die Europäische Union einen neuen „Aktionsplan“ für den Übergang zu einer Kreislaufwirtschaft angenommen. Dieser fordert insbesondere strengere Sammel- und Recyclingquoten (Stichwort „Urban Mining“), aber auch Maßnahmen für langlebigere Produkte – z. B. sollen die Garantiefristen verlängert und Reparatursigel eingeführt werden. Zudem geht es bei den insgesamt 54 vorgeschlagenen Maßnahmen um die Förderung von Produkten, die ‚kreislaufwirtschaftstauglich‘ sind. Neben ökologischen werden dabei auch ökonomische Überlegungen ins Treffen geführt: „Der Übergang zu einer  Kreislaufwirtschaft kann auch die europäische Wettbewerbsfähigkeit stärken, weil Unternehmen weniger mit Ressourcenknappheit und Preisschwankungen bei Rohmaterialien konfrontiert sein werden und auch zusätzliche Anreize zur Entwicklung neuer Geschäftsmodelle, innovativer und effizienterer Produktionsmethoden und nachhaltiger Konsummodelle entstehen“, so Hugo-Maria Schally, Leiter der Abteilung „Multilateral environmental co-operation“ der Europäischen Union in der Einführung zu dem Band (S. 4f.).

Die Publikation versammelt Beiträge aus der Wissenshaft, des Konsumentenschutzes sowie der Europäischen Union. Darunter Persönlichkeiten wie Walter R. Stahel, Gründer und Direktor des Instituts für Produktdauerforschung, der zum Sonderbeauftragten für Kreislaufwirtschaft der EU ernannt wurde. Die lineare Fertigungswirtschaft sei, so schreibt er, die beste Strategie zur Überwindung von Knappheiten an Gütern, Nahrungsmitteln, Wohnraum, sei aber ineffizient in gesättigten Märkten: „In Zeiten der Ressourcenknappheit ist ein Haushalten in Kreisläufen die Norm.“ (S. 15) Als Beispiele nennt Stahel die Trümmerfrauen im Nachkriegsdeutschland, die Mehrfachverwendung von Materialien und Gütern in Entwicklungsländern sowie die Konversion von Rüstungsgütern zu zivilen Anwendungen nach dem Fall der Berliner Mauer. Stahel setzt auf den „Verkauf von Nutzen in einer Performance Economy“ (S. 17), auf eine „sharing society“ (S. 19) und auf neue Technologien. So könne Elektromobilität mit minimalem Abfall verwirklicht werden, wenn Wasserstoff-Brennzellen statt Batterien verwendet werden: „Elektromotoren leben 100 Jahre, dreimal so lange wie Verbrennungsmotoren.“ (S. 19) Ken Webster vom Center for Circular Economy schlägt in eine ähnliche Kerbe, wenn er meint, dass durch die Digitalisierung der Verkauf von Nutzen sowie die Kontrolle des Zugangs zu digitalen Werkzeugen den Geschäftserfolg ausmachen werde. Wie Paul Mason prognostiziert Webster einen weitreichenden Umbruch der Produktionsweisen; die Kreislaufwirtschaft werde diese mit „radikaler Ressourceneffizienz“ (S. 29) verbinden.

Modularität und Reparierfähigkeit

Cillian Lohan vom Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschuss, der den Aktionsplan wesentlich mitgestaltet hat, fordert den Übergang vom Abfall- und Recyclingdenken hin zu „Modularität und Reparierfähigkeit“ (S. 45). Dies gelänge jedoch nur mit einem veränderten Eigentümer-Modell, denn die Produzierenden hätten eben nur dann daran Interesse, wenn sie selbst Eigentümerinnen bzw. Eigentümer der Produkte bleiben und nur deren Nutzen verkaufen. Die zu starke Konzentration auf den Abfall sowie die in diesem Sektor tätigen Unternehmen kritisiert auch Carsten Wachholz vom Europäischen Umweltbüro. Ein Umdenken erfordere die Abkehr von einem Wachstumsmodell, das vom Verkauf von Produkten ausgeht, und dessen Neuausrichtung an Dienstleistungen. Eine von Sylvia Mandl und Nina Tröger referierte Studie der Österreichischen Arbeiterkammer über die Nutzungsdauer und Obsoleszenz von Gebrauchsgütern kommt zum Schluss, dass nur ein Bündel an Maßnahmen den Übergang zu langlebigen und reparierfähigen Produkten ermöglichen werde. Die europäische „Ökodesignrichtlinie“ sei zu stark auf Energieeffizienz fokussiert; notwendig seien eine Verlängerung der Gewährleistungsfrist, die Übernahme von Reparaturkosten durch die Hersteller sowie insbesondere eine sozial-ökologische Steuerreform, die den Faktor Arbeit billiger, den Ressourcenverbrauch aber bedeutend teurer mache (S. 103).

Tim Cooper, Professor an der School of Architecture, Design and the Buildt Environment der Nottingham Trent University, verweist auf die Grenzen des Recyclings, das ökonomische (Kosten), ökologische (Schadstoffe) und technische Probleme (Zerlegbarkeit) aufweise. Wichtiger als „closing the loop“ (so die Diktion des EU-Aktionsplans) sei „slowing the flow“ (S. 118), also die Verlängerung der Haltbarkeit von Produkten. Und da viele Produkte funktionstüchtig weggeworfen werden, müsse auch die Wiederverwendung (Second-Hand-Markt) gestärkt werden (S. 118 f.). Nancy Bocken, Professorin am International Institute for Industrial Environmental Economics der Lund University, skizziert Geschäftsmodelle für „langsameren Konsum“ (S. 135), von Ecodesign über Reparierservices bis hin zum bereits genannten Nutzermodell sowie einer starken Kundenbindung. Nur mit einem besseren Leistungsversprechen, als es das lineare Modell bietet, könnten Konsumentinnen gewonnen werden: „attraktiver, bequemer, höherer Servicegrad“ (S. 135).

Abkehr vom Wachstumsdenken

Einen grundlegenden gesellschaftlichen Wandel sowie eine generelle Abkehr vom Wachstumsdenken fordern die letzten Beiträge des Bandes. Ulrich Brand und Markus Wissen warnen vor der Gefahr, dass „Circular Economy“ bestenfalls zu einem grünen Anstrich der Wirtschaft in einigen Regionen und Branchen führen wird, wenn es nicht gelingt, die „imperiale Lebensweise“ zu überwinden (S. 151). Auf Bewusstseinsbildung, ein wiederzufindendes Alltagswissen über das Reparieren sowie die Ächtung von Obsoleszenz setzt der Postwachstumsökonom Niko Paech in seinem mit einem Forschungsteam der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg verfassten Beitrag. Reparieren müsse bereits in den Schulen verankert werden, so einer der Vorschläge. Die Nutzungsdauerverlängerung, das Reparieren als „Kernelement eines neuen Wertschöpfungssystems“ (S. 177) sowie der Ausbau der Regionalökonomie werden als zentrale Elemente der Umsteuerung benannt. In diesem Sinne plädiert der Verfasser dieser Rezension in seinem Beitrag für „eine Konsum- und Wachstumswende, die dem Wachstum eine andere Richtung gibt und Suffizienz zu einem Bestandteil des guten Lebens macht“ (S. 195).

Dem Herausgeber des Bandes Sepp Eisenriegler, einem Pionier der Reparaturbewegung in Österreich und der EU, kommt das Verdienst zu, die vorliegende, unterschiedliche Aspekte und Zugänge zur Kreislaufwirtschaft aufzeigende Textsammlung erstellt zu haben. Ein aufwändiges Unterfangen. In seinem Schlussbeitrag, der das von ihm geleitete Reparatur- und Servicezentrum R.U.S.Z in Wien vorstellt, nimmt sich der „Lobbyist mit Lötkolben“ (Die Zeit) kein Blatt vor den Mund, wenn er von einer süchtig machenden Konsumwirtschaft spricht. Sein Fazit: Der EU-Aktionsplan für Kreislaufwirtschaft sei ein erster Schritt weg von linearen Geschäftsmodellen. Nun seien die Unternehmen gefordert, Alternativen anzubieten, und die Verbraucherseite angehalten , diese nachzufragen. Bosch-Siemens hat in diesem Sinn ein erstes großflächiges Waschmaschinen-Mietmodell in den Niederlanden eingeführt. Und das R.U.S.Z. repariert nicht nur Waschmaschinen, sondern bietet im Sinne der Dienstleistungsorientierung auch den Service „Wäschewaschen“ an. Der Waschsalon könnte auf diese Weise zu neuen Ehren kommen: einfach, bequem und ressourcensparend.