Harry Gatterer

Ich mach mir die Welt

Ausgabe: 2020 | 3

„Ich mach‘ mir die Welt … wie sie mir gefällt.“ Es ist noch nicht annähernd geklärt, welchen Einfluss dieses Lied auf das Zukunftsdenken der Generation hat, die mit Pippi Langstrumpf und ihrem Song aufgewachsen ist. Die gelernt hat, dass Zukunft nichts ist, was auf einen zukommt, sondern etwas, das man macht. Das ist allerdings nur eine Assoziation, die sich zum Titel des neuen Buchs von Harry Gatterer einstellt. Im Buch ist davon nicht die Rede. Es geht darin um die subjektive Sicht des Autors auf die Zukunft.

Gatterer ist Geschäftsführer des von Matthias Horx gegründeten Zukunftsinstituts, und das prägt seine Herangehensweise an die Zukunft. Er steht in der Tradition der Trendforschung, die er Pars pro Toto mit der Zukunftsforschung gleichsetzt. Etwa wenn er das Zukunftsinstitut als „der einflussreichste Think Tank der Zukunftsforschung“ einführt (S. 15). Weiter ist im Buch von Zukunftsforschung auch nicht die Rede. Gleichwohl ist es das Anliegen des Autors, sich von dem so nicht weiter Bezeichneten abzugrenzen. Gatterer unterscheidet zwei Zugänge zur Zukunft, die jeweils zu unterschiedlichen Ergebnissen führen: Zukunft als Wahrscheinlichkeit und Zukunft als Möglichkeit. „Wahrscheinlichkeit liefert Prognosen, Möglichkeit nutzt Potenziale.“ (S. 26) Prognosen aber seien das Problem bei der Zukunftsbetrachtung. Die sei „prognostisch verseucht“ (S. 39), wie unsere an Zahlen orientierte Gesellschaft insgesamt. Das meint offensichtlich auch die Zukunftsforschung außerhalb des eigenen Instituts, denn Gatterer fordert einen ganz anderen methodischen Zugang zur Zukunft. Ziel: verborgene Potenziale erkennen „und daraus Möglichkeitsräume konstruieren“ – das aber erfordere „die Verbindung aus Denken und Fühlen“ (S. 31). Es brauche individuelle Perspektiven, so Gatterer, weil Generalisierungen nicht mehr weiterhelfen: „Die Zukunft ist subjektiv.“ (S. 108)

 Hergeleitet wird das aus Konstruktivismus und Systemtheorie, unklar aber bleibt, wie Subjekt und System zusammenspielen. Sind sie Perspektiven der Zukunftsbetrachtung? Gatterer lässt das offen. Er fordert, „die Konstruktion von Wirklichkeit als kollektive Dimension zu erkennen“ (S. 152), postuliert andererseits aber einen radikalen Subjektivismus: Zukunft sei eine Entscheidung, schreibt der Autor in Anlehnung an Horx, und diese Entscheidung sei in letzter Konsequenz eine für die eigene Realität: „Ich bin Zukunft!“