
Die beiden Journalisten Ezra Klein, New York Times, und Derek Thompson, The Atlantic, widmen sich in ihrem Buch „Abundance“ einer sehr optimistischen Vorstellung einer Zukunft des Überflusses – aber nicht nur (der deutsche Titel lautet übrigens: „Der neue Wohlstand: Was wir für eine bessere Zukunft tun müssen“). Mit ihrer einleitenden Vision einer Gesellschaft im Überfluss, welche auch in Zeiten der Klimakrise ganz selbstverständlich umgesetzt werden kann, erreichen die Autoren bei einigen Lesenden sicherlich Verwunderung über diesen überschwänglichen (Technik-)Optimismus, welchen man insbesondere von Ezra Klein nicht unbedingt in dieser Form gewohnt sein mag. Dabei liegt der beschriebenen Fülle keine Konsumlogik zugrunde, vielmehr geht es um einen Überfluss auf der produzierenden Seite: „Abundance, as we define it, is a state. It is the state in which there is enough of what we need to create lives better than what we have had“ (S. 20). Die wesentlichen Bausteine ihrer Vision liegen daher in den Bereichen: Wohnen, Transport, Energie und Gesundheit. Leser:innen, die diesen Ausführungen skeptisch gegenüberstehen sollten, werden in den folgenden Kapiteln durch eine detaillierte Analyse der bisherigen Fehler des politischen Systems, insbesondere der Demokraten, wieder abgeholt.
Die Welt hat sich seit den 1990er-Jahren nicht mehr wirklich verändert
In ihrer Analyse der gegenwärtigen Krise am Wohnungsmarkt und der hohen Obdachlosigkeit wird etwa auf das Stagnieren von Reallöhnen und die steigenden Kosten am Immobilienmarkt, das Platzen der Immobilienblase, aber auch aufgrund Verbesserungen der Qualitätsstandards in den Unterkünften für wohnungslose Menschen verwiesen. Darüber hinaus sehen sie in der Wohnungsnot aber eben auch das Ergebnis strenger Umweltgesetze, welche als Reaktion auf die Folgen des (industriellen) Wachstums in den späten 1960er- und 1970er-Jahren erlassen wurden. Dieses Beispiel sollte exemplarisch auf ein Grundproblem demokratischer Politik der letzten Jahrzehnte hinweisen: „But while Democrats focused on giving consumers money to buy what they needed, they paid less attention to the supply of the goods and services they wanted everyone to have“ (S. 7). Zudem konstatieren sie das Fehlen einer großen Vision von Fortschritt und Veränderung, denn das Wachstum einer Wirtschaft lasse sich auf ein paar wenige Faktoren zurückführen: Durch Bevölkerungswachstum sowie Zunahme an Land und Ressourcen. Alles begrenzte Faktoren, an deren Ende es neue Ideen, neue Produktionsformen, kurz gesagt Innovationen braucht, und hier beginnt ihre Kritik. Die Welt, so die Autoren, habe sich seit den 1990er-Jahren nicht mehr wirklich verändert, natürlich gab es technische Innovationen, „but the physical world would feel much the same“ (S. 13).
Hoffnung auf eine Kurskorrektur durch eine Politik der Fülle
Wenn die Anziehungskraft einer politischen Ordnung verloren geht, dann entsteht ein Fenster für Veränderungen. Wie etwa in den 1930er-Jahren oder auch in den 1970er-Jahren und, so die Hoffnung der Autoren, könnte auch jetzt die Zeit für Veränderung sein. Während die letzten politischen Umbrüche der Demokraten als Gründe der aktuellen Schwierigkeiten genannt werden, bleibt die Hoffnung auf eine Kurskorrektur durch eine Politik der Fülle. Und die sehen die Autoren zum Teil auch schon: In demokratisch geführten Bundesstaaten, wo zunehmend Gesetze erlassen werden, um das Bauen wieder zu erleichtern oder auch in der Klimabewegung, welche die Regierung unter Joe Biden auch dazu gebracht hat, den Ausbau von sauberer Energie gesetzlich anzukurbeln. Jedoch bleiben bei der Lektüre Zweifel an dieser Vision, deren Ziel durch großzügige Deregulierung erreicht werden soll. Es ist eine Utopie, ein Plädoyer für positive Zukunftsvisionen auch im politischen System und ist, trotz aller Irritationen, ein wichtiges Buch für diese Zeit.








