Insgesamt geriet Hentigs Auseinandersetzung mit den Anforderungen an Pädagogik und Schule zu einer kritischen Reflexion über Politik und die (Medien-)Welt. Sein Titel-Stoßseufzer gilt jener Art der Diskussion, die Werteerziehung als eine Antwort auf die Probleme der Welt und diese wiederum als primäre Aufgabe der Schulen versteht. Nicht so der ehemalige Leiter der Laborschule Bielefeld: „Die Pädagogik ist nicht dazu da [...] die Welt in Ordnung zu bringen oder gar zu verbessern.“ (S.52) Die Schule kann das Unvermögen der politischen Systeme der Erwachsenen nicht wieder ausbügeln, denn die Pädagogik ist kein Reparaturdienst, sondern leistet Hilfestellung, in die existierende Kultur hineinzuwachsen, und lehrt, diese zu verstehen, aber nicht, diese neu zu entwerfen. Bevor Hentig überhaupt bereit ist, über pädagogische Fragestellungen zu diskutieren, entwickelt er erst einmal die Aufgaben und Vorhaben, die es in unserer Gesellschaft generell zu wahren gilt, „die unser geschichtliches Leben uns stellt“ (S.13)

Erst das zweite Kapitel gibt Aufschluß darüber, welche dieser Aufgaben nun tatsächlich Angelegenheit der Pädagogik sind. Für Hentig ist die Erziehung zur Politik, sprich zur Demokratie, die Zusammenfassung der Erziehungs- und Bildungsaufgaben schlechthin. Es nimmt denn auch nicht Wunder, daß seine Vorschläge zur Parlamentsreform in diesem Buch konkreter sind als die Vorschläge zu den Veränderungen der Schule. Doch über all dem Nachdenken über Erziehung und Schulanforderungen hat die Frage nach der Welt, die wir eigentlich wollen, zu stehen. Ohne diese Entscheidung und Prüfung hält der Pädagogikprofessor jegliche Diskussion um Werteerziehung für müßig, die zudem zu entdramatisieren sei. Er pocht nachdrücklich auf seine bekannten Schlüsseltermini: Ganzheitlichkeit des Lernens, die Tugend der Wachsamkeit und die Polis als der Ort der Erfahrbahrkeit von positivem Verhalten.

In der Erziehung fürs 21. Jahrhundert, wie uns der Untertitel hoffnungsfroh verspricht, besinnt sich Hartmut von Hentig alter Werte: auf das Denken der griechischen Antike (Sokrates, Platon, Aristoteles), der Aufklärung (Rousseau) und des dt. Idealismus (Kant, Schleiermacher). „Einst - jedenfalls seit Wilhelm von Humboldt - hieß das ‘Bildung’: Wahrnehmungen, Einsichten, Einstellungen, die uns zu einem freien Urteil über die Welt befähigen.“ (S.153)

Hentigs Buch wirft viele Fragen auf, denn die Imperative an die Politik eröffnen auch noch keinen gangbaren Weg. Kann ich den negativen Folgen der Aufklärung, die von Sinnen losgelöste Ratio, die uns u.a. zwischen gentechnischer Neuschöpfung und atomarer Selbstauslöschung hin- und herpendeln läßt, die Aufklärung als Heilmittel entgegensetzen und unserer schlecht funktionierenden Demokratie die hehren Ideale und Grundideen der griechischen Demokratie, einer Sklavenhaltergesellschaft? Wer Hentigs ideologische Verankerung und ausformulierte Absolutheiten nicht teilt, wird zwangsläufig zu anderen Schlüssen und auch Forderungen kommen. Dennoch bietet Hentigs Buch eine interessante Diskussionsgrundlage in der Auseinandersetzung mit drängenden Fragen unserer Zeit. A. E.

Hentig, Hartmut von: Ach, die Werte. Ein öffentliches Bewußtsein von zwiespältigen Aufgaben. Über eine Erziehung für das 21. Jahrhundert. München (u. a.): Hanser, 1999. 164 S., DM 26,- / sFr 25,40 / öS 190,-