Es gibt wohl kaum Menschen, die von der Weltbank noch nicht gehört hätten oder durch ihre Politik nicht betroffen wären. Doch was sie wirklich ist, und warum sie so mächtig ist, das wissen nur Insider. Susan George und Fabrizio Sabelli vom Institut für transnationale Studien (TNI) bieten eine auch für den Unbelesenen verständliche Analyse der Weltbank. Dabei folgen sie einem nicht ganz alltäglichen Ansatz: Die Weltbank sei mit der Kirche des Mittelalters vergleichbar, wie diese verbreite sie Dogmen, an denen nicht gezweifelt werden dürfe: "Die Bank muß man nicht verstehen, man muß an sie glauben. Denn was man wahrnimmt, existiert."

Der Leser erfährt, wie die Weltbank ihre Macht seit ihrer Gründung in Bretton Woods vor 50 Jahren stetig ausbauen konnte und zunehmend zum opinion leader in Sachen Entwicklungspolitik wurde und wie verhängnisvoll ihre wirtschaftlichen Grundsätze für die betroffenen Länder waren und sind. Es wird anhand vieler Beispiele gezeigt, wie sich die Weltbank die Argumente ihrer Kritiker zu eigen gemacht hat und so ideologischen Debatten den Wind aus den Segeln nehmen konnte. Doch die Autoren wollen eine direkte Konfrontation auf dieser Ebene vermeiden und begegnen der Institution mit einer überraschenden Einstellung: Die Organisation wird quasi auf die Couch eines Analytikers gelegt, es wird Verständnis für Mißstände innerhalb  der Bank formuliert. Die wahren Adressaten sind daher die Mitarbeiter, Manager und Exekutivdirektoren. Es scheint, als sollten sie nicht durch verhärtete Fronten abgeschreckt, sondern zum Dialog und zur Veränderung von innen heraus eingeladen werden.

Die Angehörigen der Weltbank werden als heimkehrende verlorene Söhne in die Reihen der Kritiker aufgenommen. Nach dieser Analyse werden schließlich mögliche Reformansätze präsentiert. Nach Ansicht der Autoren kann eine "Therapie" auf vierfache Weise eingeleitet werden:

1. Durch Beeinflussung der Exekutivdirektoren, damit sie bestimmte Maßnahmen ablehnen oder Projektgelder verweigern,

2. indem man internationale Kampagnen gegen bestimmte Projekte organisiert;

3. indem man auf breiterer Basis ein "Imageproblem" für die Bank schafft;

4. indem man in gutem Glauben einen Dialog mit der Institution führt und all seine Sorgen auf den Tisch legt.

Chr H.

George, Susan; Sabelli, Fabrizio: Kredit und Dogma - Ideologie und Macht der Weltbank. Hamburg: Konkret Literatur-Verl., 1995. 255 S.