Die russische Biologin und Ökologin lebt seit 1986 als freie Publizistin in Berlin und versucht nach kritischen Arbeiten zur Krise der sowjetischen Nachfolgestaaten nun globale Krisenphänomene zu interpretieren. Ihre Stärke liegt dabei in der provokanten Analyse politischer "Zaubersprüche" und weniger in weiterführenden Ansätzen. Problematisch wird es, wenn sich die Autorin fallweise der Vorwürfe jener Kritiker der Bürgerbewegungen bedient ("die Apokalypse durch Askese abwenden"), denen es aus vordergründiger Strategie - vor allem um die Schwächung des Protestpotentials geht.

Am Beispiel des Klimaschutzes hält sie jenen deutschen   "Umwelt-Hypochondern" den Spiegel vors Gesicht, die sich zwar für den Schutz aussterbender Tierarten und tropischer Regenwälder stark machen, aber (sich) zu wenig vor (und hinter) ihrer Türe (be)kehren. Vor lauter schlechtem Gewissen würden sie Naturgesetzmäßigkeiten ignorieren. Sie demaskiert aber auch die Mentalität ihrer ehemaligen Landsleute, die z. B. - angesichts einer prognostizierten Verschiebung der Klimazonen nach Norden - in der Taiga die Ersatzflächen für ihre vergifteten Agrarwüsten und in der Folge eine Umweltfluchtbewegung von West nach (Nord-)Ost erwarten.

Ähnlich arbeitet sie die "nachholende Entwicklung in der Dritten Welt" und die Migrationsproblematik auf, wenn diese westliche Industriestaaten und die von ihnen kolonisierten Regionen durch ihre ÖIdollars und Waffenexporte politisch weiter destabilisieren. Das von Privilegierten im Europa der Nationalstaaten und in der USA propagierte "Abspecken und Teilen", aber auch multikulturelle Integration brächten keine dauerhaften Problemlösungen. Statt ethisch emotionalisierter Hektik plädiert die Autorin für einen längeren Atem und greift Ernst Ulrich von Weizsäckers Konzepte für konkrete Veränderungsstrategien hin zu einer nachhaltigen Umweltpolitik auf.

M.Rei.

Margolina, Sonja: Die gemütliche Apokalypse. Unbotmäßiges zu Klimahysterie und Einwanderungsdebatte in Deutschland. Berlin: Siedler, 1995, 176 S., DM / sfr 29,80 / ÖS 232,50