gersemannDas Modell Deutschland sei richtungsweisend für ganz Europa, heißt es immer wieder. Nun haben sich gleich zwei Autoren aufgemacht, diesen Nimbus mehr oder weniger ins Wanken zu bringen. Der erste ist Olaf Gersemann, Wirtschaftsjournalist der WELT, der davon ausgeht, dass das Aus für eine große Wirtschaftnation [so sinngemäß der Untertitel seines Buches] drohen könnte.

Im Folgenden erzählt uns der Autor, dass sowohl die Politik als auch die tragenden Institutionen im Land sowie weite Teile der Bevölkerung durch den wirtschaftlichen Aufschwung trotz der Finanzkrise blind geworden seien für die immer sichtbarer werdenden Schwächen des Systems. Gersemann beschäftigt sich in seiner Analyse weder mit Verteilungsfragen noch mit Gerechtigkeitslücken, sondern sorgt sich um das langfristige Wirtschaftswachstum, den Industriestandort, den freien Handel und den demografischen Wandel. Er plädiert u. a. für eine niedrigere Einkommensteuer, einen schlankeren Staat und weniger Kündigungsschutz. Nach seiner Ansicht wird sich sehr viel ändern müssen, damit manches so bleiben kann, wie es ist. Es könnte nämlich sein, dass dem älter und kleiner werdenden Deutschland die Kräfte nicht etwa nur allmählich ausgehen, sondern plötzlich (vgl. S. 260).

Zusammenfassend lautet sein Fazit, dass Deutschlands gegenwärtiges wirtschaftliches und ökonomisches Potenzial weit überschätzt wird. Deshalb wendet er den Begriff der (Spekulations-)Blase auf die deutsche Volkswirtschaft insgesamt an. Seine überaus pessimistische Einschätzung begründet er mit zahlreichen Zahlen und Fakten. „Vier Millionen Vergessene“ lautet die Überschrift zum Kapitel über die Beschäftigungsschwäche der deutschen Wirtschaft. Man müsse, so Gersemann, nicht drei, wie dies immer geschehe, sondern vier Millionen Arbeitslose zählen, denn eine Million werde von der BfA (Bundesagentur für Arbeit) lediglich als unterbeschäftigt gezählt, und übersieht dabei, dass es 2005 noch knapp 5 Millionen Arbeitslose gab. Ein weiteres Thema ist die Wachstumsschwäche: Zwischen 1993 und 2013 gehörte Deutschland mit einer durchschnittlichen Wachstumsrate von 1,29% nach Angaben des IWF weltweit zu den 12 wachstumsschwächsten Ländern noch hinter Burundi und Tonga. Gersemann warnt insbesondere davor, sich mit einem schwachen Wachstum oder gar „Nullwachstum“ abzufinden, denn eine „Kultur des Weniger“ sei keineswegs zu empfehlen. Das würde unser Sozialsystem nicht verkraften und schon gar nicht jene 17 Millionen Menschen in Deutschland, die in einem Haushalt mit einem Nettoeinkommen von weniger als 1.500 Euro pro Monat, 5 Millionen davon mit weniger als 900 Euro, leben.

Zudem leide die deutsche Wirtschaft an einer fortschreitenden Investitionsschwäche. „Was hier durchscheint, ist ein kontrollierter Rückbau: Im Vorgriff auf die Vergreisung unserer Gesellschaft beginnen unsere Unternehmen, ihre Zelte abzubauen.“ (S. 187) Zu allem Überdruss macht der Autor auch noch eine eklatante Strukturschwäche aus. Die hohen Exportüberschüsse seien ein Verstoß gegen das Gebot des außenwirtschaftlichen Gleichgewichts und Folge vor allem einer internen Abwertung durch übermäßige Lohnzurückhaltung, die zu Lasten der Binnennachfrage gehe.

Insgesamt zeichnet Gersemann den Zustand und die Zukunft der deutschen Wirtschaft in düsteren Farben. Wer allerdings Therapievorschläge erwartet, wird enttäuscht, denn des Autors Absicht ist es ausschließlich, eine Diagnose zu erstellen (vgl. S. 265). Und er setzt, wie erwähnt, auf ein dringend benötigtes Wirtschaftswachstum nicht ohne Seitenhieb auf die Bestrebungen zur Umverteilung. Am Schluss des Buches ringt sich Gersemann zu zehn Vorschlägen durch, die seiner Ansicht nach sofort in Angriff genommen werden müssten:

1. Einführung eines Kinderwahlrechts

2. Tragfähigkeitsanalysen für alles

3. Investitionsgebot für den Staat

4. Energiesubventionen in Forschung umlenken

5. Weniger Berufe im dualen System (verwandte Ausbildungsberufe zusammenlegen, 300 Ausbildungsberufe reduzieren)

6. Freibeträge für lebenslanges Lernen

7. Weg mit dem NC (Numerus clausus)

8. Weniger Kündigungsschutz

9. Alle Akademiker rein. Allen Ausländer nach Studium eine unbegrenzte Arbeits- und Aufenthaltserlaubnis geben.

10. Niedrigere Einkommenssteuersätze

Diese 10-Punkte-Therapie wirkt unkoordiniert und beiläufig; sie lädt ebenso zur Diskussion ein wie die Thesen des Autors.   Alfred Auer        

Gersemann, Olaf: Die Deutschland-Blase. Das letzte Hurra einer großen Wirtschaftsnation. München: DVA, 2014. 319 S., € 19,99 [D], 20,60 [A], sFr 21,40

ISBN 9783421046574