Die Liste der Prophezeiungen, die nie Realität wurden, ist lang. So zumindest für Jean Gimpel, Spezialist für technische und mittelalterliche Geschichte, der sich aber selbst ebenfalls auf das unsichere Terrain der Prognose begibt. Mit seinem Untergangs-Szenario versucht er, den s. E. konstatierbaren Niedergang des Westens bewußt zu machen. Zunächst beschäftigt sich der Autor mit Zukünften, die nicht verwirklicht wurden und weist in diesem Zusammenhang u. a. auf angekündigte Neuerungen von Alvin Toffler (in "Der Zukunftsschock") hin. Nicht ohne Schadenfreude zeigt der Autor, daß sich Hermann Kahn und Anthony Wiener mit ihrer Prognose, wonach es zu Beginn des 21. Jahrhunderts keine Krankheiten mehr geben werde, gründlich getäuscht haben. Gleichzeitig ortet Gimpel einen abnehmenden Nutzen der Technologie, auf den sich Zukunftsprognosen Ende der 70er Jahre mit wenigen Ausnahmen immer vehement stürzten. Diese Verlangsamung des technischen Fortschritts in der westlichen Welt am Ende des 20. Jahrhunderts ist seiner Ansicht nach für deren gegenwärtigen Niedergang verantwortlich.

Einige Beispiele: Die erhoffte Informations-Revolution ist nicht eingetroffen, Tropenkrankheiten behindern den Fortschritt, auch die High-Tech-Medizin hatte nur marginale Erfolge. Die Hauptursache für den beschriebenen Zustand macht Gimpel bei der technikfeindlichen Ökologie und im amerikanischen Rechtssystem (Haftpflicht gegen Innovationen) aus. In seiner "Tour d'horizon" reflektiert Gimpel auch die Rückkehr zu traditionellen Techniken (wie Straßenbahn, Eisenbahn, Fahrrad, Propeller, Holzfachwerk, Erdhäuser), die durch Spitzentechnologie modernisiert werden könnte. Die Begeisterung für die "Technik von gestern für morgen" ist ihm nicht Fortschritt, sondern gleichbedeutend mit dem Ende der Industriegesellschaft. Deshalb prognostiziert der Autor für die Länder Europas (mit Ausnahme Italiens) einschneidende Verfallserscheinungen. Er schlägt einen finanziellen, wirtschaftlichen, sozialen und politischen Notstandsplan vor, "um den Schock eines Zusammenbruchs der Börsenwerte zu dämpfen, der im Laufe eines Tages alle Länder treffen würde".

Insgesamt eine technikfixierte Phobie, die Entwicklungspotentiale im Sozialen und Menschlichen ausschließt. Die Thesen vom Ende des Sozialstaates wie der Vergleich von Aids und Atombombe hinsichtlich des Risikopotentials sind nicht zuletzt vor der auch von Gimpel geteilten Ansicht der Wirksamkeit geschichtszyklischer Abläufe wohl als negative Prophezeiungen zu beurteilen, die ebenso wenig realistisch sind wie viele zuvor.

A. A.

Gimpel, Jean: Das Ende der Zukunft. Der technologische Niedergang des Westens. Holm: Deukalion, 1995. 173S., DM / sFr 38,- / öS 300,-