Editorial 4/1996

In der Periode der "Glorreichen Dreißiger" haben wir in Westeuropa dank einer effizienten Organisation von Wirtschaft und Gesellschaft beträchtliche Fortschritte erzielt. Dieser Erfolg stützte sich im Wesentlichen auf zwei Säulen: das Produktionssystem mit der Rollenverteilung von Produktion und Konsumation (Adam Smith) und den "schützenden Staat", der durch Ressourcenabschöpfung auch den ganz oder zeitweise aus der Erwerbsarbeit Ausgeschlossenen die Teilnahme an der Konsumgesellschaft ermöglicht(e). Im Zuge ihres Erfolges hatten die Unternehmen einen derartigen Bedarf an Arbeitskräften, dass die Vollbeschäftigung mehr oder minder selbstverständlich war. Diese Beschäftigungsform wurde in der Folge zum Eckstein unseres gesamten Gesellschaftssystems. Sie - und nur siebrachte den Menschen ein regelmäßiges Einkommen ein und das Recht von der Gesellschaft auch im Fall der Arbeitslosigkeit Leistungen in Anspruch zu nehmen. Diese Form der gesellschaftlichen Teilhabe entwickelte sich rasch zum wichtigsten - wenn nicht gar einzigen -Instrument sozialer Sicherheit, zum hehrsten Nachweis von Anerkennung, zum Nachweis sozialer Daseinsberechtigung schlechthin. Frauen und Jugendliche, jene also, die vorwiegend nicht in Geld ausgedrückten Funktionen tätig waren, nahmen besser als alle anderen wahr, wie wesentlich dieses Reglement notwendig war (und ist), um ein Mindestmaß an gesellschaftlicher Anerkennung zu erlangen. Nach und nach aber änderten sich die Grundlagen des Wohlstands, beschleunigte sich die technologische Entwicklung, globalisierte sich die Wirtschaft, und in Wechselwirkung mit mannigfachen anderen Faktoren kam die ganze schöne Dynamik des Fortschritts zum Erliegen. Lange jedoch hielt man hartnäckig an der Vorstellung fest "die Krise" habe nur konjunkturellen und damit vorübergehenden Charakter. Wir seien, so argumentieren viele, in der rezessiven Phase eines Zyklus, auf die zwangsläufig wieder die Gegenbewegung folgen und die Gesellschaft in eine Erfolgsspirale hineinziehen werde wie in der "guten alten Zeit". In Gegenposition zu diesem Glauben legen wir innerhalb unserer Gruppe "futuribles" seit zwanzig Jahren dar, warum u. E. nichts mehr so sein wird wie zuvor, und warum wir unser Leben nach Ausschöpfung der Vorteile einer an die Welt von gestern bestens angepassten kollektiven Organisationsform grundlegend anders organisieren müssen. Diese Analysen wurden häufig als absonderlich, als zu pessimistisch und vor allem als störend empfunden. Denn schließlich stellten sie zu viele eingefahrene Vorstellungen und zu viele Gewohnheiten in Frage und erzeugten, da sie kein alternatives Modell anboten, mehr Besorgnis als Trost. Eine logische Reaktion, da wir behaupteten, dass die uns vertraute Epoche - die unsere Art zu handeln und zu denken geprägt hat -vorüber sei und eine neue Ära beginne. Im Laufe der Jahre wurden diese Überlegungen mehr und mehr akzeptiert. Doch es bleibt eine große Kluft zwischen zwei recht unterschiedlichen Visionen von der Zukunft unserer Gesellschaft. Für die einen ist die Welt von gestern weiterhin das Referenzmodell. Das Wirtschaftswachstum muss demnach früher oder später wieder anspringen, mit der Einschränkung, dass man gewiss bisweilen schmerzhafte Umstrukturierungen und Anpassungen wird vornehmen müssen. Dank neuer Wettbewerbsfähigkeit würden wir aufs Neue (zugegebenermaßen unsicherere) Arbeitsplätze schaffen, die Arbeitslosenflut eindämmen, wenn nicht gar zu Beginn des nächsten Jahrhunderts unter einem Mangel an Arbeitskräften leiden! Das wiedererlangte Wirtschaftswachstum werde, wenn auch um den Preis sozialer Opfer, ein Wiederanknüpfen an den sozialen Fortschritt ermöglichen. Dies ist offenkundig die Optik der derzeitigen Politik, die kurzfristig Maßnahmen ergreift, um die Breschen in einem sichtlich einstürzenden Gebäude zu stopfen. Wir sind im Übrigen alle mehr oder minder Komplizen dieser kollektiven Illusion, die, ausgehend von einer Vorstellung der Zukunft nach dem Bild der Vergangenheit, die stets gleiche Reproduktion überholten Handelns rechtfertigt und uns - wie lange noch? - der Notwendigkeit enthebt, von Grund auf innovativ zu sein. In den Augen der anderen ist die Trennung zwischen wirtschaftlichem und sozialem Fortschritt hingegen vollzogen. Unsere vergangene Organisationsweise, so sagen sie mit guten Argumenten, entspreche nicht dem geo- und bevölkerungspolitischen, dem wirtschaftlichen, technologischen und sozialen Bedarf unserer Epoche. Neue Zwänge und Chancen tun sich auf: erstere - etwa die Überalterung der Bevölkerung und die Globalisierung der Wirtschaft - sind unausweichlich; letztere - etwa der technische Fortschritt - sind ambivalent. Er kann zu Wunderbarem wie zu Furchtbarem führen. In dieser Situation gibt es vielfach die Neigung, sich gegen Veränderungen zu sträuben oder aber auch den Wunsch, deren Hauptakteur als Unternehmer und Partner in neuen kollektiven Abenteuern zu werden, in denen sich eine neue Lebensart und eine neue Gesellschaft abzeichnet. Möglicherweise sind wir auf der politischen Ebene dazu verdammt, in kleinen Schritten vorzugehen. Allerdings sollte man sich klarwerden, ob man auf Zeit spielen und auf irgendeine göttliche Lösung warten oder eine Zukunft entwerfen soll, für die es ein Mindestmaß an gemeinsamer Vision - und Erkennbarkeit - braucht, die genügend Hoffnung einflößt, um in einem ausreichenden Maß gesellschaftliche Teilhabe am unablässig fortschreitenden Prozess der Veränderung zu ermöglichen.