Wenn wir unsere ressourcenverschlingende Wirtschaftsweise fortführen und den Ländern des Südens weiterhin als Entwicklungsmodell vorleben, dann sind Ökokatastrophen größeren Ausmaßes für das 21. Jahrhundert unausweichlich. Diese Gewißheit verdichtet sich und drängt allmählich ins allgemeine Bewußtsein Begriffe wir "Nachhaltigkeit" oder “Zukunftsfähigkeit" haben Hochkonjunktur. Doch noch fehlt der Schritt vom Wissen zu konkretem umsteuernden Handeln. Und daß so manches Ökobekenntnis Schaumschlägerei ist, beweist die hektische Debatte um den "Wirtschaftsstandort Deutschland", die - gleichsam reflexartig - alte Rezepte in neuem Gewand präsentiert. , Genau dort setzt die lange erwartete, von einem Autorinnenteam des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt, Energie erstellte Studie für ein zukunftsfähiges Deutschland an. Ausgehend vom Konzept des “Umweltraumes" (Hans Opschoor), welches das jedem Land unter Berücksichtigung globaler Verteilungsgerechtigkeit und ökologischer Verträglichkeit dauerhaft zustehende Maß an Naturnutzung erfaßt, werden zunächst konkrete Umweltziele formuliert und dabei Reduktionsvorgaben für Energie, Rohstoffverbrauch und Emissionen festgesetzt. Die Latten sind hoch gelegt, aber gut argumentiert: Gefordert wird etwa die Reduzierung des fossilen Brennstoffverbrauchs um ein Viertel bis zum Jahr 2010 und um 80-90 % bis 2050, um die laut Klimaforschung weltweit notwendige Halbierung des CO2 Ausstoßes zu erreichen. Bereits im Jahr 2010 soll um zwei weitere ehrgeizige Ziele zu nennen - die BRD aus der Kernenergie ausgestiegen und flächendeckend auf ökologische Landwirtschaft umgestellt sein. Quantitative Umweltziele haben den Vorteil, daß sie gemessen und geprüft werden können, doch sie zeigen noch nicht die möglichen Zukunftspfade dorthin auf. Diese sind Thema des Kernstücks der Studie, den acht Leitbildern für einen zukunftsfähigen Wohlstand. Ungemein anregend lesen sich diese Zukunftsentwürfe etwa für eine Regionalisierung der Marktwirtschaft und der Produktionsprozesse, eine Regeneration von Land und Landwirtschaft oder das Finden neuer Maße für Raum, Zeit und Lebensqualität. Man erhält den Eindruck, daß hier die vielen Ideen und Initiativen, die meist im kleinen im Laufe der letzten Jahre von kreativen Köpfen entwickelt und engagierten Gruppen erprobt wurden - vom Stadtauto über die Wiederentdeckung der Region als Lebensraum bis hin zur gelebten globalen Nachbarschaft -, hier in verlockende Angebote eines neuen Wohlstandes für die Gesellschaft insgesamt zusammengefaßt wurden. Den Schilderungen eingefügte "Wende-Szenen", die konkrete Beispiele beschreiben, laden zur Nachahmung bzw. Umsetzung ein, Sie leiten über zu den zusammenfassend skizzierten Veränderungsszenarien für die Problemfelder Energie, Industrie, Verkehr sowie Land- und Waldwirtschaft. Gleichsam Gegenargumente vorwegnehmend, machen die Autorinnen abschließend auch Vorschläge dazu, wie die ökologischen Reformen mit wirtschafts- und sozialpolitischen Innovationen (etwa "negative' Einkommensteuer") zu koppeln wären. "Visionen brauchen Fahrpläne" - dieses von den Herausgebern im Vorwort angesprochene Bloch-Zitat verdeutlicht den großen Wert dieses Buches, da es über die zur Genüge bekannten Gefahren hinaus konkrete Wege einer ökologisch-kulturellen Wende aufzeigt und dazu einlädt, sich auf sie einzulassen. In diesem Sinne könnte "Zukunftsfähiges Deutschland" in der Tat - wie der Spiegel prophezeit - zur "grünen Bibel der Jahrtausendwende " werden.  H.H. 

Zukunftsfähiges Deutschland. Ein Beitrag zu einer global nachhaltigen Entwicklung. Hrsg. v. BUND und Misereor. Birkhäuser: Basel (u.a.), 1996. 453 S., DM/sFr 37,-/ÖS 290,50.