Mediendiskurse über Umweltprobleme sind “abgekoppelt von der Entwicklung der realen Problemkonstellation” (S. 15). Was aber bestimmt den nationalen Diskurs über Umweltprobleme und welchen Einfluß hat er auf die internationale Kooperationsbereitschaft? Dieser Frage geht Stenzel in seiner Promotion über grenzüberschreitende Luftverschmutzung (Long range transboundary air pollution - LRTAP) am Beispiel der Bundesrepublik nach.

LRTAP ist eine typische Folge der Politik der hohen Schornsteine. Seit den sechziger Jahren führten sie zu messbaren Umweltproblemen. Doch die Veränderungen in der Umwelt gingen schleichend vor sich. Zudem gab es regional und national erhebliche Belastungsunterschiede. Ergreift ein Land Maßnahmen für eine bessere Luftqualität, so profitiert ein anderes Land ungleich mehr. Staaten versuchen daher die Kosten für saubere Luft auf ihre Nachbarn abzuwälzen. Stenzel zeigt nun wie zur Limitierung der LRTAP ein Internationales Regime geschaffen wurde und wie dieses die Kooperation der Nationalstaaten fördern konnte.

Ausgehend von einer Darstellung der konkreten Schadenssituation in Deutschland versucht der Autor, “den möglichen Problemdruck zu bestimmen, der von den Entwicklungen der Baumschäden und Ozonwerte ausgehen könnte”. Für den Untersuchungszeitraum zwischen 1978 und 1994 stellt Stenzel lediglich einen “latenten Problemdruck” durch “Waldsterben” und “Sommersmog” fest, “der allein noch nicht ausreicht, größere politische Reaktionen hervorzurufen” (S. 98). Daher wendet er sich der Medienberichterstattung als innergesellschaftlichen Einflußfaktor zu. Die Auswertungen zeigen, daß zwischen der realen Bedrohung und der Berichterstattung nur ansatzweise Parallelen erkennbar. Insgesamt trügt jedoch das Bild, das die Medienberichterstattung vermittelt. (S. 124). Auch sind die Quellen der Medien höchst ungleich vertreten: Experten und Regierungsvertreter kamen überraschend oft zu Wort, Opposition und NGOs kaum. Eine aufklärende Institution sind die Medien jedenfalls nicht (S. 132).

Die “Themenkarriere” von Waldsterben und Ozon in den Medien führte zu einer “Zeitströmung”, in die jedoch bedeutende gesellschaftliche Gruppen oder Kräfte eingebunden werden müssen (S. 134).

Der Wahrnehmung der LRTAP durch die Medien wird die Problembearbeitung auf nationaler und internationaler Ebene gegenübergestellt. Die Medienberichterstattung bildet für den Autor, der selbst als freier Journalist arbeitet, einen “kommunikativen innergesellschaftlichen Einflußfaktor für kooperative Umweltaußenpolitik” (S. 17). Infolge dieses Einflusses änderte die BRD, die in den siebziger Jahren gegenüber dem internationalen LRTAP-Regime eine Abwehrhaltung einnahm, Anfang der achtziger Jahre schlagartig ihre Haltung und bezog in internationalen Verhandlungen neue Positionen (Kapitel 9). Gleichzeitig wurden auch nationale Maßnahmen ergriffen, um Emissionen zu reduzieren. Deutschland wurde zu einem Vorreiter in der Luftreinhaltepolitik und konnte auch einige Erfolge erzielen. Doch wurden die meisten Massenschadstoffe lediglich auf hohem Niveau stabilisiert. Gemessen am Ziel des Internationalen Regimes, Umweltschäden zu begrenzen oder zu verhindern, relativiert sich die Effizienz der Maßnahmen (Kapitel 8). Die Politik griff die Themen des Diskurses also auf, ein Großteil der Maßnahmen beschränkte sich jedoch auf symbolische Politik.


D. P.

Stenzel, Alexander: Grenzüberschreitende Luftverschmutzung in Europa. Bedingungen einer kooperativen und regimeförderlichen Umweltaußenpolitik unter bes. Berücksichtigung d. Medienberichterstattung als innerges. Einflußfaktor. Frankfurt/M (u. a.): Lang, 1999. 329 S.