
Personen, die sich mit postkolonialen Theorien auseinandersetzen, werden sich früher oder später mit Einwänden konfrontiert finden, die Ideen der ‚deutschen‘ Aufklärung zu delegitimieren. Nikita Dhawan legt mit ihrer Monografie „Die Aufklärung vor Europa retten“ eine kritische Analyse des theoretischen Rahmenwerks der Dekolonialisierung und der postkolonialen Theorien vor, die sie anhand gesellschaftlich-politischer Diskurse in Deutschland untersucht. Gerade der ‚deutsche‘ Kontext ist, meiner Meinung nach für die Studie interessant: So setze in der Bundesrepublik seit dem Zweiten Weltkrieg sowie seit der Wiedervereinigung Deutschlands eine breit angelegte, öffentliche Erinnerungsarbeit ein, die – im Vergleich zu Österreich – die historischen Verbrechen klarer benennt. Mit dem Erstarken eines postkolonialen Bewusstseins, v. a. im anglophonen Raum, zu nennen sind die drei einflussreichsten Theoretiker:innen Homi Bhabha, Gayatri Spivak und Edward Said, begann schließlich auch in Deutschland eine kritische Auseinandersetzung mit der Kolonialpolitik und ihren Verbrechen des Deutschen Kaiserreichs, die im öffentlichen sowie akademischen Diskursen bisweilen oft als sekundär und im Vergleich zu Großbritannien und Frankreich rezipiert wurde. Die Debatte über die Vergleichbarkeit der kolonialen und der nationalsozialistischen Schuld äußerte sich im sog. Historikerstreit, hinterlässt aber auch ihre Spuren im öffentlichen Raum.
Selbstreflexion des Theorisierens
Dhawan, die als Professorin für Politische Theorie und Ideengeschichte einflussreiche Publikationen zu Postkolonialität vorgelegt hat, geht es weniger darum, sich in dieser Debatte zu positionieren, sondern analysiert scharfsinnig, warum sich die Erinnerungslandschaft in keine binären Strukturen einbinden lässt. Sie betont die Notwendigkeit der Rückberufung auf die Aufklärung und ihrer gleichzeitigen Kritik. Im Zentrum ihrer Argumentation steht dabei auch die Erfordernis der Selbstreflexion des Theorisierens, wie sie schreibt: „Wir müssen deshalb im Sinne einer Foucaultschen ‚Geschichte der Gegenwart‘ versuchen zu verstehen, wie es dazu kommen konnte, dass es den Europäer:innen einmal mehr als ihre Bestimmung erscheint, die ‚Last des weißen Mannes‘ zu schultern und den Rest der Welt über die richtige Lebens- und Denkweise aufzuklären“ (S. 20). Dazu zählt etwa, wie Dhawan in einem eigenen Kapitel ausführt, die Verwerfung von Immanuel Kant mit der Begründung, er äußere sich sexistisch oder rassistisch. Obwohl die Autorin sein Denken im normativen Verständnis seiner Zeit verortet wissen will, tritt sie auch entschieden dagegen an, die Aufklärung als antiimperiales Projekt zu bewerten. Das führe zu einer Anfechtung der „emanzipatorischen ideale von Menschenrechten, Säkularismus, Meinungsfreiheit und Demokratie“ (S. 23). Schlussendlich gehe es um ein Zusammendenken von Aufklärung und postkolonialen Theorien, die sich nicht ausschließen, sondern sich gegenseitig bedingen. Die Lektüre des Buches ist absolut empfehlenswert und regt ein Nachdenken über das ‚eigene‘ – politische, historische, ideengeschichtliche – Erbe und seine Verstrickungen an.








