Das Stöbern des Autorenpaares nach “vergangener Zukunft” hat sowohl Fundstücke abwegig schrulliger Phantastereien als auch durchaus ernstzunehmende plausible Denkmodelle ans Tageslicht gefördert. Entstanden ist dabei eine kompakte Zusammenschau an Zukunftsvisionen - vom Digitalen Geld, das die nationalstaatlichen Währungen verdrängt, dem Aufenthalt im Orbital-Hotel oder der Möglichkeit gentechnisch modifizierter “Designerkinder” bis hin zur “Abschaffung des Mittelmeeres” oder der Behandlung von Infektionskrankheiten durch Inhalation von Radiumdämpfen.

Ausgehend von den Anfängen utopischen Denkens religiös inspirierter Zukunftsvisionen und der räumlichen Utopien bei Thomas Morus spannen Angela und Karlheinz Steinmüller einen breiten Bogen bis zu phantastischen Plänen “zur Reparatur der Erde” am Ende des kommenden Jahrhunderts. Laut Expertenaussagen im Rahmen der deutschen Delphistudie von 1998 werden bereits Anfang des 21. Jahrhunderts wirksame Methoden zur Wiederherstellung funktionsfähiger Ökosysteme in ehemaligen tropischen Regenwaldgebieten entwickelt.

Geradezu inflationär war, so das Zukunftsforscherpaar, der Output an Visionen im 20. Jahrhundert, einige davon fanden ihren gebührenden Platz in der vorliegenden Chronik. Dabei stehen “Entwürfe für ein leichteres Alltagsleben” neben “Megavisionen” für die ganze Menschheit. Neben optimistischen, verheißungsvollen Visionen tun sich auch apokalyptische Zukunftsbilder von Krieg und Weltuntergang auf. Die Autoren vermissen dabei soziale Zukunftsvisionen: “Nimmt man die ‘Strahlkraft’ als Maßstab, können sich soziale Visionen nur schwer neben den technischen behaupten.” (S. 16) Was leider ganz fehlt, so die Autoren sind geeignete Veranschaulichungen für eine “nachhaltige Lebensweise”.

Richten sie den Blick auf heute aktuelle Zukunftsbilder, fragen sich die Steinmüllers zu Recht, wie viele sie davon wohl auf den Trödelmärkten der Zukunft links liegen lassen würden. “Die meisten unserer heutigen Visionen von Internet und Cyberspace, von künstlichem Leben, Potenzverstärkern und unbewältigter Freizeit werden den Menschen in wenigen Jahrzehnten als ebenso platt und alltäglich oder ebenso abseitig und bizar erscheinen, wie uns die längst verflossenen Entwürfe.” (S. 17) Trotzdem ist, wie man sich in der vorliegenden überaus gelungenen Rück- und Vorausschau überzeugen kann, eine Vielzahl an Fundstücken aus Vergangenheit und Zukunft übriggeblieben. Einiges davon ist durchaus dazu angetan, uns optimistisch in die Zukunft blicken zu lassen, etwa wenn wir erfahren, daß im nächsten Jahrhundert das Internet “von den Frauen gerettet wird”, indem sie eigene “Tele-Gemeinschaften” Und noch eines wird deutlich: daß die Zukunft kaum das bringen wird, was uns heute besonders plausibel erscheint.


A. A.

Steinmüller, Angela u. Karlheinz: Visionen. Eine Chronik der Zukunft. Ein Projekt v. Z_punkt büro für zukunftsgestaltung. Hrsg. v. Klaus Burmeister. Hamburg: Rogner & Bernhard bei Zweitausendeins, 1999. ca. 554 S.