Die dem Kapitalismus eigenen strukturellen Deformationen und zyklischen Krisen sind auch Thema in dem von Christian Stenner herausgegebenen Band „Kritik des Kapitalismus“. Darin werden die zwischen 2008 und 2010 entstandenen Gespräche mit ExpertInnen über mögliche Ansätze und Hintergründe der aktuellen Finanzkrise publiziert. Stenner begründet, warum der Crash am Finanzmarkt nur der Auslöser der aktuellen Krise war, „mit Sicherheit aber nicht ihr Grund, wie Mainstream-Ökonomen uns glauben machen wollen“. (vgl. S. 13) Der seit den 1980er Jahren produzierte gesellschaftliche Reichtum wird tendenziell anders verteilt als in den Jahren zuvor, so der Autor. Entscheidend sei der sinkende Lohnanteil am Volkseinkommen. Für Europa wurde ein Rückgang um 8,2 Prozentpunkten zwischen 1982 und 2005 errechnet (von 66,3 auf 58,1 Prozent). „Weil die Lohnquote auf der einen und die Quote der Einkommen aus Gewinn und Besitz auf der anderen Seite zusammen immer 100 Prozent des Volkseinkommens ergeben, folgt aus dem sinkenden Lohnanteil, dass der Anteil der Kapitaleinkünfte im gleichen Ausmaß gestiegen ist.“ (Kritik des Kapitalismus, S. 9)

 

Die damit verbundene Umverteilung von den ArbeiterInnen zum Kapital wird von einigen AutorInnen dieses Bandes als eine der destabilisierenden Elemente der kapitalistischen Wirtschafsweise beschrieben. Die Gespräche fokussieren deshalb auf die Notwendigkeit einer Re-Regulierung mit entsprechenden Steuern und Spekulationsverboten. Jürgen Bischoff meint sogar, dass die besten Phasen des Kapitalismus jene gewesen seien, in denen er streng reguliert war. Winfried Wolf verweist unter anderem auf die periodischen Krisen, die den Kapitalismus begleiten, sowie auf die Ausbeutung der natürlichen Ressourcen und kommt zum Schluss, dass das kapitalistische System selbst die Systemfrage auf die Tagesordnung setzt.

 

Im Band „Kurswechsel für Deutschland“ sind sich die AutorInnen einig, dass „die Finanz- und Wirtschaftskrise in ihrem Kern eine Kulturkrise des westlichen Wirtschafts- und Gesellschaftsmodells“ sei, also die „Kultur der entfesselten Konkurrenz und der daraus folgenden Verantwortungslosigkeit“ (Gesine Schwan, S. 8).

 

Kritik des Kapitalismus. Gespräche über die Krise. Hrsg. v. Christian Stenner. Wien: Promedia, 2010. 191 S.,€ 19,90, sFr 29,-; ISBN 978-3-85371-306-8