Auf den ersten Blick  auf Systemtransformation angelegt erscheint der Titel des weltweit aktuell wohl bekanntesten Moralphilosophen Michael J. Sandel, der uns darlegt, „was man für Geld nicht kaufen kann“. Sandel verwehrt sich gegen eine zunehmende Monetarisierung aller Lebensbereiche, ohne jedoch die Prinzipien von Markt und Kapitalismus grundsätzlich in Frage zu stellen. Mit einer Fülle an Beispielen macht der „derzeit wohl populärste Professor der Welt“ (Die Zeit) deutlich, wo ihn die Tendenz der Vermarktlichung stört und er zeigt auch Beispiele – das macht das Buch spannend –, wo die Lage aus ethischen Gründen nicht so eindeutig ist. Mit Sandel abzulehnen sind zu erkaufende Privilegien wie Fahrbahnen ohne Stau, die Versteigerung von Einwandererplätzen für die Meistbietenden – wie für die USA vorgeschlagen wurde –  oder von zur Adoption freigegebenen Babys ebenfalls nach dem Bestbieterverfahren. Durchaus ambivalent erscheinen dem Rezensenten jedoch Anreizprämien von Versicherungen oder Unternehmen, wenn Menschen mit dem Rauchen aufhören oder ihr Gewicht reduzieren    zum einen spart das zwar möglicherweise Krankheitskosten, zum anderen bleiben dabei jedoch von der Gesellschaft geförderte Suchtstrukturen unreflektiert. Oder wie würden Sie eine Sozialorganisation beurteilen, die drogenabhängigen Frauen eine Prämie zahlt, wenn sie sich sterilisieren lassen? Ein Eingriff in die Persönlichkeitssphäre dieser Frauen unter Ausnutzung deren schwieriger Situation (Abhängigkeit von Geldnachschub) oder eine sinnvolle präventive Maßnahmen im Sinne der so nicht geborenen Kinder, die mit Sicherheit schlechte soziale Bedingungen vorfänden und auch große Gesundheitsrisiken zu befürchten hätten? Oder etwas harmloser: Wären Sie dafür, dass man schlechten Schülern Honorare zahlt, wenn sie die Hausaufgaben erledigen, eine Praxis, die in manchen US-Schulen versucht wird? Vergleichbar ambivalent problematisiert Sandel auch den Emissionshandel mit Treibhausgasen, der zur Verschmutzung der Umwelt „berechtigt“, wenn auch in Grenzen, doch mit der Möglichkeit, dass sich die Begüterten freikaufen können.

Dies führt zu Beispielen des Autors, bei denen die Grenze von „Gebühren“ und „Strafe“ verschwimmen. In den USA nehmen etwa jene Kindergärten zu, in denen man Pönale zahlt, wenn die Kinder zu spät abgeholt werden. Die Praxis zeigt jedoch, so Sandel, dass jene, die es sich leisten können, die Übertretung zur neuen Praxis machen. Dasselbe Dilemma sieht der Autor bei Verkehrsstrafen, die für Reiche wohl keine abschreckende Wirkung haben, etwa hinsichtlich Geschwindigkeitsübertretungen –  ein Dilemma, das etwa in Finnland durch die Kopplung der Strafhöhe ans Einkommen gelöst wurde. Sandel schildert den Fall einer Verkehrsstrafe von 17.000 Euro (!) für zu schnelles Unterwegssein mit dem Auto.

Das Buch enthält viele weitere Beispiele, wie Geld in bisher marktferne Bereiche eindringt, etwa die Infiltrierung aller Lebensbereiche mit Wirtschaftswerbung - von strategisch geschickt angebrachten Videobildschirmen auf öffentlichen Plätzen bis hin Werbebotschaften in öffentlichen Toiletten. Product-Placement wird, so Sandel, heute nicht nur im Film, sondern mittlerweile auch bereits in Romanen praktiziert. Selbst den eigenen Körper kann man mittels Tätowierung für Werbezwecke zur Verfügung stellen.

Besonders betont Sandel als Gefahr der Monetarisierung von immer mehr Lebensbereichen die soziale Segregation der Gesellschaft. In einer Zeit zunehmender Ungleichheit laufe die allumfassende Kommerzialisierung des Lebens darauf hinaus, dass Arme und Reiche zunehmend getrennte Leben führen: „Wir arbeiten und kaufen und spielen an verschiedenen Orten. Unsere Kinder besuchen verschiedene Schulen, unsere Lebenswelten schotten sich voneinander ab. Das dient weder der Demokratie noch unserer Lebensqualität.“ (S. 249) Diese soziale Trennung ist in den USA, wo Sandel an der Havard Universität lehrt, viel weiter fortgeschritten als etwa in Europa, der Trend geht aber auch bei uns in diese Richtung. Das Buch, das den Kapitalismus nicht grundsätzlich in Frage stellt,  ist daher auch europäischen LeserInnen wärmstens zu empfehlen!                           

Hans Holzinger

Sandel, Michael J.: Was man für Geld nicht kaufen kann. Die moralischen Grenzen des Marktes. Berlin: Ullstein, 2012. 298 S., € 19,99 [D], 20,60 [A], sFr 27,- ; ISBN 978-3-550-08026-5