Die vorgeschlagenen Maßnahmen für gedeihliche Zukunftsentwicklungen hängen immer von der Wahrnehmung der Probleme sowie der dieser zugrundeliegenden Theorien ab. Dies macht das Jahrbuch „Nachhaltige Ökonomie“ eines gleichnamigen Netzwerks deutlich, welches mittlerweile über 90 renommierte WissenschaftlerInnen wie Hans Christoph Binswanger, Gerhard Scherhorn oder Ernst U. von Weizsäcker umfasst. Auch wenn die Ziele der Mitglieder sich im Detail unterscheiden – die einen wollen eine neue Wirtschaftsschule gründen, die neben der Neoklassik und dem Keynesianismus steht, andere wollen diese Schulen reformieren –, so eint sie laut Holger Rogall als einem der treibenden Kräfte des Netzwerks die Überzeugung, „dass die bestehende Wirtschaftsweise nicht zukunftsfähig ist“ (S. 10).

Im vorliegenden Jahrbuch werden unterschiedliche Aspekte einer Nachhaltigen Ökonomie thematisiert – von der Einschätzung des Rio-Folgeprozesses und der Integration von Erkenntnissen der Glücksforschung in die Wirtschaftstheorie, die wesentliche Paradigmen der Neoklassik über Bord werfen würden, über Analysen zur aktuellen „Wachstumsdiskussion“ bis hin zu Reflexionen über das Menschenbild einer nachhaltigen Ökonomie sowie – und das ist ja entscheidend – den institutionellen Perspektiven und Instrumenten der politischen Steuerung im Kontext nachhaltiger Entwicklung. Felix Ekardt warnt hier etwa vor allzu viel Euphorie gegenüber dem Partizipationsansatz sowie der Konsumentendemokratie; er sieht aber aufgrund der globalen Tragweite der Nachhaltigkeitsherausforderungen wie Klimaschutz oder Erhalt der Bodenfruchtbarkeit sowie der Wasservorräte auch die Grenzen des Ordnungsrechts und plädiert daher für ökonomische Instrumente wie Ressourcensteuern sowie Kontingentlösungen, also Mengensteuerungen.

 

Plädoyer für Regionalwährungen

Zwei Beiträge weisen m. E. über die mittlerweile bekannten Ansätze einer ökologischen Ökonomie hinaus, die interessanter Weise laut Vorwort im Netzwerk Nachhaltige Ökonomie „weiter diskutiert“ werden müssen, sprich derzeit über keinen Konsens verfügen. Zum einen das von Christian Felber vorgestellte Modell der „Gemeinwohl-Ökonomie“, das in PZ ja bereits ausführlich zur Sprache kam, sowie das Plädoyer von Felix Fuders und Manfred Max-Neef für Regionalwährungen. Die beiden an der Universidad Austral de Chile lehrenden Autoren sehen in Anlehnung an Silvio Gesell, Margret Kennedy oder Helmut Creutz im Zins den zentralen Wachstumszwang des Kapitalismus sowie die Ursache seiner regelmäßig wiederkehrenden Krisen. Da sich Geldvermögen aufgrund des Zinses alle 10-15 Jahre verdoppelten, diese Zinsen jedoch erwirtschaftet werden müssten, seien die Banken gezwungen, „stetig mehr Kredite zu vergeben, wodurch die Geldmenge stetig wächst“ (S. 346). Aus diesem Grund veröffentliche die US-Notenbank seit 2006 nicht mehr die Höhe der umlaufenden Geldmenge „M3“. „Es bestünde sonst die Gefahr, dass die Menschen merken könnten, dass die Geldmenge deutlich schneller als die Produktionsmenge wächst.“ (ebd.) Zudem müsse die Produktion jährlich steigen, „um den stetig wachsenden Zinsdienst erbringen zu können“ (S. 347), auch dann, wenn keine neuen Güter mehr gebraucht würden. Kriege oder Naturkatastrophen würden daher zwar den Lebensstandard der Menschen verringern, aber neue Investitions- und Profitquellen eröffnen, was die Autoren am Beispiel des chilenischen Erdbebens 2010 demonstrieren. Das Zins- und Zinseszinssystem führe dabei zu Gewinnern und Verlierern, also jenen, deren Vermögen immer mehr wachsen, und jenen, die sich verschulden – ob Privathaushalte oder Staaten. Die wirtschaftlich Schwächsten seien die ersten, die die Schuldenlast nicht mehr tragen können, etwa die Hypothekenkreditnehmer in den USA oder jene europäischen Staaten mit der geringsten Produktivität. Die Warnung der Autoren: „Wenn nun Schuldner im großen Stil oder eben ganze Staaten insolvent sind, ist das ein Zeichen dafür, dass das Finanzsystem kurz vor dem Kollaps steht.“ (S. 352) Der Europäische Finanzstabilitäts-Fond (ESFS) sei daher keine Lösung, „sondern lediglich ein Instrument zum Geld drucken, also zur kurzfristigen weiteren Ausweitung der Kreditmenge“ (S. 352f.). Der Rettungsschirm mache insolvente Kreditnehmer wie Griechenland oder Spanien wieder zu „guten Kreditnehmern“.

Die Autoren schlagen als Ausweg aus diesem Dilemma die Einführung eines zinsfreien Freigeldes im Sinne von Silvio Gesell vor, eine Idee, die von John Meynard Keynes und Irving Fisher als möglicher Lösungsansatz für die Weltwirtschaftskrise der 1930-Jahre angesehen worden sei. Der Aufbau von Regionalwährungen bzw. von Zweitwährungen für ganze Staaten, die keine Zinsen bringen und damit auch nicht gehortet werden, würde in diese Richtung weisen und eine Möglichkeit darstellen, die (regionale) Wirtschaft ohne Wachstumszwang in Schwung zu halten. Vorgeschlagen wird z. B. ein „Regionalgeld Deutscher Industrie“ (RDI), das zum Kauf deutscher Produkte anregen würde, wenn die Löhne (oder Teile davon) in dieser Währung ausbezahlt würden. Möglich sei auch ein Zusammenschluss der bisherigen Regionalwährungen auf gesamtstaatlicher Ebene. Zur Diskussion gestellt wird auch eine Idee von Willem Buiter von der London School of Economics, der für negative Leitzinsen der Zentralbanken plädiert. Darlehenszinsen für Unternehmen würden dabei gegen Null tendieren, was freilich andere Wege der Investitionskapitalbeschaffung erfordern würde. Anleger sollten direkt in Unternehmen investieren, sie wären dann wie bei Aktien am Unternehmenserfolg bzw. -risiko beteiligt. Zweitwährungen mit Gültigkeit nur im eigenen Land wären, so die Autoren, eine Chance, die regionale Wirtschaft zu stärken und die Abhängigkeit vom internationalen Finanzsystem zu verringern bzw. zu überwinden. Länder wie Griechenland oder Spanien, die kurz vor der Staatspleite stehen, könnten laut Fuders und Max-Neef zu Vorreitern eines Freigeldes ohne Zins werden. Ein sicher spannendes Experiment, das freilich weit vom Mainstream-Denken und auch jenem der übrigen Beiträge dieses Bandes entfernt ist.

Dass die bisherigen „Stabilisierungsmaßnahmen“ in Krisenländern wie Griechenland oder Spanien bislang nicht zum erhofften Umschwung geführt haben, legt jedenfalls das Nachdenken über alternative Wege nahe. Und eine aktuelle Studie von attac hat gezeigt, dass eine stringente „Sparpolitik“, die Irland den Ausstieg aus dem Stabilitätsfond ermöglicht hat, letztlich auf dem Rücken der Bevölkerung ausgetragen wird (www.attac.at).

Hans Holzinger

 

Jahrbuch Nachhaltige Ökonomie 2012/2013.  Im Brennpunkt: Green Economy. Hrsg. v. Hans-Christoph Binswanger ... Marburg: Metropolis-Verl., 2012.  496 S., € 29,80 [D], 30,70 [A], sFr 41,70 ISBN 978-3895189777