Friedenspolitik ist, das beweist nicht nur die kriegerische Realität in Europa, eine permanente Herausforderung. Der vorliegende Band dokumentiert Vorträge und Diskussionsbeiträge der 10. Internationalen Sommerakademie 1993 auf Burg Schlaining/Österreich, die über das eigentliche Thema weit hinausgehen. Neben Analysen und Bewertungen der politischen Umbruchphase nach 1989 wird versucht, Perspektiven für ein friedlicheres Europa darzustellen. Thematisch wurden die Beiträge von Politikern, Wissenschaftlern und Friedensforschern aus Ost und West nach fünf zentralen Gegenwartsdilemmata geordnet, dem europäischen Ökologie-, Ökonomie und Entwicklungs-, dem Demokratie- und dem Identitätsdilemma.

Von den zahlreichen Wortmeldungen seien im Folgenden einige genannt: so macht etwa Wolfgang R. Vogt Vorschläge für eine Zivilisierung von Sicherheit und Frieden durch Stärkung der UNO und KSZE durch tendenzielle Verlagerung der Ressourcen vom Militär auf Systeme ziviler Friedens- und Hilfsdienste ("Zivilär") und ein System kollektiver Nothilfe („Politär"). Herausforderungen und Aufgaben der Friedensforschung beschreibt Wolf-Dieter Eberwein, der die Rückbesinnung auf das normative Anliegen und die Interdisziplinarität der Friedensforschung fordert. In seinen philosophischen Reflexionen über die Grundlagen europäischer Friedenspolitik meint Hajo Schmidt, dass das demokratische Projekt "mit seiner Letztbindung an die Würde der Einzelperson, der Begründung der grundlegenden Menschen- und Bürgerrechte ... das unerlässliche, wenn gewiss auch nicht einzige Antidot gegen Nationalismus und Xenophobie im Osten wie im Westen darstellt". Wolfgang Dietrich setzt sich kritisch mit dem Begriff "Fortschritt" auseinander und wünscht sich neue Überlebensexperten. "Denn wenn wir nun immer mehr ,Fortschritt' brauchen, um uns von den Folgen des ,Fortschritts' zu erholen, dann weist die Achse unserer Geschichtlichkeit längst nicht mehr in das diesseitige Paradies für unsere Nachkommen." Schließlich werden Sicherheit und Identität als zentrale Kategorien für das Verständnis der psychosozialen Folgen der Moderne festgehalten.

Ein wichtiger Beitrag, der eine Alternative zur Realpolitik herausarbeitet, die noch immer vom geopolitischen Denken als Konfliktlösungsmodell ausgeht und in friedlichen Strategien kein zukunftsträchtiges Paradigma für das internationale Staatensystem sieht.

A.A.

Europa. Zukunft eines Kontinents. Friedenspolitik oder Rückfall in die Barbarei? Hrsg. v. Margit Piebei.

Münster: agenda-Verl., 1994. 235 S. (agenda Frieden; 8) DM 36,- / sFr 33,- / ÖS 256