Auf zehn Bände ist das Forschungsprojekt “Friedensmacht Europa" des Österreichischen Studienzentrums für Frieden und Konfliktlösung angelegt, das nicht nur die Entwicklung einer kritisch-reflexiven Friedenstheorie und eine Zusammenschau von Ansätzen der Friedens- und Konfliktforschung zum Ziel hat, sondern auch, so einer der Koordinatoren, Wolfgang R. Vogt, der" Inspiration, Begleitung und Beratung der praktischen Politik dienen" soll. Der erste nun vorgelegte Band nimmt eine Standortbestimmung vor, in der zunächst die" Umbrüche, Probleme und Horizonte" einer europäischen Friedensgestaltung nach 1989 dargelegt werden. Den hierfür gewonnenen Autoren - es sind dies die Friedensforscher Johan Galtung, Dieter Senghaas, Gerda Zellentin und Ekkehart Krippendorff (er stellt die "Gretchenfrage Entmilitarisierung") sowie der Zukunftsforscher Erwin Laszlo (er thematisiert insbesondere die Instabilität der Weltfinanzmärkte) - gelingt es vortrefflich, die Unterschiedlichkeit ihrer Ansätze darzulegen. Im Hauptteil werden, ausgehend vom Viereck Frieden, Sicherheit, Konflikt und Gewalt, die Zusammenhänge von Friedensgestaltung und Zivilisierung analysiert, wobei der Bogen von den "biologischen und psychostrukturellen Determinanten menschlicher Aggression" über die (historische) Bedeutung des Pazifismus und die “Friedenswirkung von Demokratie" bis hin zu den "Möglichkeiten und Grenzen des Völkerrechts zur Eindämmung von Gewalt" reicht. Mehrere Autoren befassen sich mit der Zivilisationstheorie, der Ambivalenz der Moderne und den Gewaltpotentialen der Weltmarktgesellschaft. Um dem Anspruch" positiver Visionen über Frieden und Sicherheit, Entwicklung und Zukunft" gerecht zu werden, formuliert Wolfgang R. Vogt im abschließenden Teil eine Agenda für eine" Friedensmacht Europa", in der er die ,”Friedenspolitische Entsorgung nationaler Rüstungsapparate und -potentiale " sowie die Umwandlung nationaler Streitkräfte in "internationale und europäische Friedens- und Schutzdienste" vorschlägt. Wie dieser Wandel erreicht werden könnte, wird in mehreren Beiträgen zwar angesprochen, soll aber in weiteren Bänden konkretisiert werden, die u. a. der Friedensgestaltung "von oben" und" von unten" gewidmet sind. Man darf gespannt sein! Und dennoch sei ein Wunsch angeschlossen: Da in politisch-praktischer Absicht die Analyse von kriegsauslösenden und Kriegsrisiken fördernden Konstellationen mindestens ebenso wichtig ist wie die Erhellung friedensfördernder Strukturen, möge sich einer der zehn Bände auch damit - historisch wie aktuell - auseinandersetzen. Denn nur so gelangen kriegsrelevante Herrschaftsbedingungen, Konfliktlagen und Interessen ins Blickfeld, die zu kennen entscheidend ist für präventive Friedenspolitik. H. H.

Frieden durch Zivilisierung? Probleme – Ansätze - Perspektiven. Hrsg. v. Österr. Studienzentrum für Frieden und Konfliktlösung. Münster: Agenda, 1996. 509 S. (Studien für europäische Friedenspolitik; 7)