Diesen Sammelband mit den Herausgebern als Beitrag zu einer "Archäologie Friedenswissens" zu verstehen, erscheint auf den ersten Blick verlockend. Die acht Beiträge sind so heterogen, daß sie eher Anhaltspunkte persönlichen Interesses denn Einblick in die Struktur einer Disziplin vermitteln. Der Niederländer Helmut de Lange stützt diese Ansicht, indem er einleitend einen Aufriß zur Geschichte der Friedensforschung unter besonderer Berücksichtigung seines Landsmanns Bert VA Röling gibt. Den Blick auf das Phänomen der "Kollektiven Hysterie" (entwickelt von dem Ungarn lstvan Bibo) und Hermann Brochs zu Unrecht kaum rezipierte “Massenwahntheorie" richtet Hans-Pater Burmeister, um Friedenspotentiale im aktuellen Balkankonflikt zu sondieren. Als besonders wertvoll möchte ich den Beitrag der Berliner Journalistin Gerit von Leitner bezeichnen. Ihr Portrait der Friedensaktivistinnen und Naturwissenschaftlerinnen Clara Immerwahr und Gertrud Woker zeigt, daß berufliche Karriere und Anerkennung nicht vorrangiges Ziel einer würdevollen Existenz sind, sondern sich erst in bezug auf Humanität und Mitmenschlichkeit entfalten.

Die theologischen Positionen von Leonhard Ragaz und Karl Barth in friedensethischem Kontext sind Thema Eberhard Buschs; einen gegenüber der friedensstiftenden Potenz der Disziplin skeptischen Beitrag steuert Konrad Thomas bei, indem er sich mit der Kulturtheorie Rene Girards auseinandersetzt. Aus der Trias von Mimesis (Nachahmung/Begehren), Ordnung und Rivalität entwickelt Girard das Prinzip des Heiligen, um den Sündenbock-Mechanismus zu überwinden. Aufgrund dessen Absenz in der sekularisierten Welt plädiert er dafür, sich auf lange Zeit auf beunruhigende Verhältnisse einzustellen und unser Krisenverständnis zu verbessern. Einem Beitrag zur Zivilisationstheorie bei Norbert Elias als Beitrag zur Konfliktlösung (H.-D. Meyer) folgt Hans Holzingers Portrait von Robert Jungk, den er als "Rebell und Ermutiger für den Frieden" charakterisiert: Gestützt auf zahlreiche Quellen bündelt der Autor das Denken und Engagement Jungks in fünf (hier verkürzt wiedergebene) Thesen: 1. Die Dominanz des naturwissenschaftlich-technischen Fortschrittsdenkens führt zur Inhumanisierung der Gesellschaft. 2. Friede muß von "unten" geschaffen werden. 3. Gewalt erzeugt immer Gegengewalt. 4. Es genügt nicht, "Nein" zu sagen, sondern es braucht immer auch ein "Ja". 5. Menschenrechte, Demokratie und Rechtsstaat (. ..) stellen eine permanente Herausforderung an Politik und Gesellschaft dar. Den Dimensionen des Hoffens bei E. Bloch und E. Fromm ist der abschließende Beitrag des Mitherausgebers Friedhelm Zubke gewidmet. Er verweist darauf, daß "Friedensentwürfe" nicht nur dem Wissen, sondern immer auch mehr oder minder begründbarer Zuversicht verpflichtet sind.

WSp.

Friedensentwürfe. Positionen von Querdenkern des 20. Jahrhunderts. Hrsg. v. Dieter Klinkelbur ... Münster: agenda Verl., 1995. 154 S. (agenda Frieden; 18) DM / sFr 29,80/ ÖS 232,50