Editorial 1/1996

Es wird höchste Zeit, dass das Handeln unserer Entscheidungsträger davon bestimmt wird, dass unsere Welt - und das heißt genauso jede Stadt und jedes Dorf - nicht aus isolierten Einzelbereichen besteht, von denen sich jeder unabhängig von den anderen entwickeln ließe, sondern dass sie wie ein Organismus übergeordneten Gesetzmäßigkeiten gehorcht. Nur dann können wir Hoffnung haben, dass unsere Kinder und Enkel im nächsten Jahrtausend auch in Ballungsräumen eine lebenswerte Umwelt finden. Um das zu erreichen, ist neben einer Neubesinnung in unseren Anbau- und Produktionsverfahren, im Energiemanagement und im. Verkehrswesen auch eine Neubesinnung in der damit eng zusammenhängenden Gestaltung unserer Siedlungsräume eine vordringliche Aufgabe. Durch die vergangene Regionalplanung in unseren Industrieländern, insbesondere bei der Planung der Verkehrswege, wurde die. räumliche Trennung von Wohnen, Leben und Arbeiten durch die hineingesetzten Monostrukturen, wie Einkaufszentren und Schlafstädte, zunehmend verstärkt. Aus dem Wirkungsgefüge solcher Ballungsgebiete kann man ablesen, dass eine ungenügend durchdachte Städteplanung, die oft von Architekten unter Stress entworfen worden ist, selber wieder Stress erzeugt und unmittelbar die Gesundheit und das Sozialverhalten der Bewohner vermindert. Es war sicher lange Zeit die Unkenntnis solcher biologischen Wechselwirkung zwischen Mensch und Bauform, aber auch Mensch und Baustoff, die es zu mancher Pervertierung unserer heutigen Bauweise kommen ließ, sowohl in der Innenarchitektur als auch in der Wahl des Materials. Es floss nicht in die Planung ein. Fast alleinige Priorität hatte das Design, das zum Selbstzweck wurde. Mancher Architekt sieht zudem seine Berufung vor allem darin, seine Individualität in künstlerischer Formgebung auszutoben. Schön und gut. Nur dann hat er eben den falschen Beruf und sollte als Bildhauer tätig sein und nicht anderen Menschen aufoktroyieren, in welcher Behausung sie über Jahrzehnte hinweg zu wohnen und zu arbeiten haben. Diese Missachtung der Funktion trifft insbesondere auch den Energiehaushalt. Wer seine Wohnung heizt, heizt bekanntlich heute immer noch bis zu zwei Dritteln die Außenluft und trägt damit in größeren Städten - abgesehen vom Energieverlust und der Abgasproduktion - auch zum Treibhauseffekt und zu den smogerzeugenden Inversionslagen bei. Nach den Berechnungen von Klimaarchitekten werden jährlich 20 bis 30 Milliarden Mark sinnlos verheizt und belasten zusätzlich die Umwelt. Die bauphysikalischen Gesetze lassen sich jedoch bei kluger Berechnung und Anordnung der Bauelemente weit sinnvoller für die Heizung und Kühlung ausnutzen als bisher und als die der Dämmstoffindustrie verpflichteten K-Wert-Fetischisten propagieren. Man denke nur an die Speicherkapazität von Lehm-, Adobe- und Ziegelwänden, die die Einstrahlung mit mehrstündiger Phasenverschiebung ins Innere leiten und so bei Tag kühlen und nachts wärmen. Hervorragende Beispiele liefern etwa die neuen Niedrigenergie-Wohnanlagen des Wiener Architekten Harry Glück. Natürlich gehören zu solchen integrierten Lösungen im Wohnen auch integrierte Verkehrslösungen. Weg von der autogerechten Stadt hin zum stadtgerechten Auto. Konsequent gedacht hieße das aber nichts anderes als den Ersatz des unzeitgemäßen Tourenwagens durch längst fällige superleichte City-Cars, die lautlos und ohne Abgase betrieben werden, bequem und langsam sind und mit einem Bruchteil an Batterien auskommen, wie sie die Elektroversionen der großen Autofirmen noch herumschleppen müssen. Besonders für die kleinräumige Infrastruktur der chinesischen Metropolen und ihre Stadt-Land-Beziehung wäre es eine Katastrophe, wenn die derzeit schon weitentwickelte Fahrrad- und Rischka-Kultur durch ein Millionenheer unserer Dinosaurierautos und den Lebensraum zerschneidende Autobahnen ersetzt würde anstatt durch moderne Konzepte. Ganz abgesehen von den dann unausweichlichen Klimakatastrophen. Deshalb werden bei fortschrittlichen Stadtplanungen für die Zukunft auch von vorneherein unsere veralteten Fahrzeugkonzepte nicht mehr mit eingeplant. Doch Neuplanungen gibt es in unseren Industrieländern nur sporadisch Wir haben es vor allem mit bestehenden Städten und dort eher mit dem ökologischen Stadtumbau zu tun. Führt man diesen Gedanken weiter, so könnte man in der Tat in einigen Jahrzehnten auch bei uns zu vollkybernetischen Stadtkonzepten kommen: mit Dachbegrünung, Windpumpen und Regenwassersammlung, passiver und aktiver Solarenergie, dazu hauseigener Kraft-Wärme-Kopplung, Hausmüllrecycling, Brauchwasserkreislauf und anderen standortspezifischen Verbundlösungen, die auch das kommunale Sozialwesen und die zwischenmenschlichen Beziehungen auf eine neue Ebene heben. Im Hinblick auf innovative Technologien brechen wir uns gewiss auch keinen Zacken aus der Krone, wenn wir uns etwas mehr von der Biokybernetik abschauen, von der Organisationsform, nach der lebende Systeme seit Hunderten von Millionen Jahren wirtschaften. Nicht zuletzt liegen in einer solchen Neuorientierung gewaltige sozioökonomische Vorteile, die langfristig auch die Staatskasse entlasten. Man denke nur an neue, energie- und rohstoffsparende Verfahren einer mittleren und Kleintechnologie, die nach Einführung einer drastischen Energiesteuer riesige Märkte eröffnen und die - anders als die heute vorherrschende, in ihrer Gigantomanie nur umso störanfälligere Großtechnologie - dann so etwas wie flexible und daher stabile "Ökosysteme der Wirtschaft" entstehen lassen. Lebensräume voller Ideenreichtum und Diversität, die bei dezentraler Versorgungs- und Entsorgungsstruktur auch nur einen Bruchteil an Transportvorgängen benötigen, statt zu Transitstrecken zu entarten.