Die Autorin, Tourismus-Expertin und Reiseredakteurin der FAZ, will die Hintergründe und Fakten, den Glanz und das Elend touristischer Karrieren sowie den Wertewandel und die Grenzen des Wachstums der "Schönwetterindustrie" aufzeigen. Sie konstatiert eine epochale Wende im Tourismus, wenn bald jeder zu Hause am Computer Hotel und Flug selber zusammenstellen, oder der mit simulierten Wirklichkeiten im Cyberspace vernetzte Bürger des 21. Jahrhunderts überhaupt nicht mehr reisen wird. Doch das ist für die Branche vorerst noch Zukunftsmusik.

Schon heute reisen im Jahr mindestens 750 Millionen Menschen. Weltweit werden in der Reiseindustrie jährlich 3,5 Bio. DM umgesetzt. Das Wachstumsfieber erfährt seine Grenzen erst dort, wo Versäumnisse, strukturelle Schwächen und Umweltzerstörung die - weltweit betrachtet - noch immer zweistelligen Zuwachsraten übertreffen. Die negativen Folgen des Tourismus - Scherer illustriert sie am Beispiel Mallorca - sind inzwischen hinlänglich dokumentiert. Und Ansätze zum Besseren sind erkennbar, denn: "Bei der Reiseindustrie wächst die Einsicht, daß sie ihre Geschäftsgrundlage zerstört, wenn sie weiterhin Raubbau treibt." Allzu oft wird diese Erkenntnis jedoch nur verbal bekundet man begnügt sich, wie jüngst die Umweltminister der EU auf Santorin, mit dem Aufzählen der Mißstände.

Angesichts der Zukunftstrends gibt sich Scherer mit Blick auf den sanften Tourismus absolut pessimistisch, da auch die umweltschonendste Form des Tourismus, wenn umfassend betrieben, an ihre Grenze stoße: Bis zum Jahr 2025 wird die Zahl der Mittelmeerurlauber von gegenwärtig 100 auf 250 Mio. steigen; der Freizeitverkehr in Deutschland wird bis zum Jahr 2010 um 30 bis 40% zunehmen. Angesichts dieser Fakten wird deutlich, daß Steuerungsmechanismen zur Bändigung des Individualverkehrs unabdingbar sind. Solche Vorgaben der Politik sieht auch die Autorin als wirkungsvoller denn überhebliche moralische Appelle. Ist die Lösung etwa doch in Welten wie Disney-World, Ocean Dome (Japan) und Tourismusinsel-Paradiesen oder gar in künstlichen Weiten mittels" virtual reality" zu finden? Nach dem Motto: Nur wenn der Tourist nicht in die Wirklichkeit seines Gastlandes ausschwärmt, kann er auch nicht viel zerstören, wäre der "Simulationstourismus" der Zukunft die positivste Entwicklung. Bei dieser Perspektive mag manchem das Schaudern kommen, und so ist zu befürchten, daß uns die Lust am Reisen so schnell nicht vergeht.

A.A.

Scherer, Brigitte: Tourismus. Reinbek b. Hamburg: Rowohlt, 1995. 125 S. (rororo special; 6362) DM / sFr 12,90/ÖS 95,