Fast könnte man meinen, der Autor habe das Vertrauen in den Fortschritt verloren, wenn er in der Einleitung dieser fünfzehn Essays umfassenden Sammlung meint: »Wir befinden uns in einer Lage, in der mehr als der aufgehaltene Fortschritt die Nebenfolgen des stattfindenden Fortschritts uns zu schaffen machen.« Und auch die Feststellung, dass die »traditionsreiche Opposition von progressiven und konservativen Kräften ihren Sinn verliert« - zumal sich der Konservativismus (nicht erst mit F. S. Strauß) zum Bannerträger des Fortschritts selbst ernannt hat-, ist mit Vorbehalt zu prüfen. Denn Lübbe widerspricht sich selbst, wenn er über weite Strecken eine polemische Klinge gegen die kritische Linke (vor allem Habermas) führt, um -die politische und kulturelle Aufklärung gegen sich selbst zu verteidigen«. Gegen die (vermeintliche?) Gefahr totalitärer Unterwanderung setzt der Pragmatismus liberaler Prägung auf das freie Kräftespiel konkurrierender Wertvorstellungen. Selbst die Einsicht, dass »... unsere Fähigkeiten, Neuerungen moralisch, kulturell und politisch produktiv zu verarbeiten, sich immer häufiger als begrenzt erweisen«, spricht (in der Tat!) nicht gegengesellschaftlichen Pluralismus. Lübbe wehrt sich entschieden gegen eine Änderung politischer Rahmenbedingungen. Der Hinweis auf die weit höhere Flexibilität (I) liberaler Systeme gegenüber totalitären Regimen genügt, um als Grundsatz konservativer Vernunft zu formulieren: »Soviel zusätzliche Veränderung wie nötig; soviel ' Erhaltung zukunftsfähiger Handlungsbestände wie möglich.« Dass dazu die Beibehaltung eines wehrhaften Antikommunismus als »unverzichtbares Element der Verteidigung unserer ... Lebensordnung« ebenso gehört wie das Vertrauen in eine profitorientierte, auf Ausbeutung gerichtete Ökonomie, wird kaum verwundern. Überraschend, weil im Kontext konservativer Gegenwartsanalyse keineswegs selbstverständlich, ist hingegen der Hinweis auf die Vitalität von Geschichtsbewusstsein und Alltagskultur. Das Interesse an (der eigenen) Vergangenheit deutet der Autor überzeugend als Kompensation zunehmender Zukunftsverunsicherung, neben der zusätzlich eine »Gegenwartsschrumpfung« zu beobachten sei: Da weder überlieferte Traditionsbestände noch abstrakte wissenschaftliche Erkenntnisse eine gesicherte Orientierung im Alltag erlauben, gerät die Gegenwart zunehmend in Verlust. Hoffnungsvoll stimmt allerdings (nicht nur Lübbe) die gegenüber vergangenen Epochen sprunghaft angestiegene Bereitschaft - und Notwendigkeit - zu individueller Sinnfindung in permanenter Weiterbildung.    Die Konjunktur konservativer Fortschrittsideologie empfiehlt die Beschäftigung mit den Thesen Lübbes. Über die geschliffenen Attacken gegen die politischen Gegner ist zu stellen, dass auch hier die mangelnde Kompetenz unserer politischen Kultur zur Lösung der dringendsten Probleme schmerzlich empfunden wird. Und doch gebietet der Verweis auf scheinbar unverrückbare Rechtsbestände die Fortsetzung einer Politik, die sich zur Krisenbewältigung nur als bedingt tauglich erweist. Lübbe ist zuzustimmen, wenn er meint, dass »wir die uns bedrängenden Probleme der wissenschaftlich-technischen Zivilisation nur innerhalb ihrer und nicht gegen sie lösen können«. Doch auch das bedarf der Bereitschaft, grundsätzlich neue Wege zu gehen. Wer sich darauf beschränkt, Reformen als »Kompensation der Schädlichkeitsnebenfolgen des Fortschritts« zu verstehen, den Wunsch nach Realisierung »konkreter Utopien« aber als Relikt einer historisch überholten Euphorie abtut, wird mit verstärkten Turbulenzen im Prozess politischer Orientierung rechnen müssen. Eine umfassende und überaus lesen werte Analyse konservativer Ideologie bieten Thomas Kreuder und Hanno Loewy (Hg.): Konservatismus in der Strukturkrise. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1987. 649 S. Erörtert werden u.a. die Bereiche Wertewandel und Industriekultur, Neokonservatismus, die „moderne“ CDU, Arbeiterbewegung und die Krise des Fortschritts sowie perspektiven von Arbeit und Einkommen.

Lübbe, Hermann: Fortschrittsreaktionen. Über konservative und destruktive Modernität. Graz (u.a.): Styria Verl., 1987. 220 S.