Noch immer wird Fortschritt aus wissenschaftlich-technischen Innovationen und materieller Wachstumsquantifizierung abgeleitet. Das Thema Wachstum wird nach wie vor quantitativ anstatt qualitativ abgehandelt. Mittelstaedt hingegen setzt auf die Zukunftschance des qualitativen Wachstums. Dabei geht es ihm darum, Denk- und Handlungsanstöße zu geben, um die Zukunft der Menschheit zu sichern. "Solange aber die modernen Industriegesellschaften ihre seit Jahrzehnten praktizierte Wachstumspolitik weiterhin fortsetzen, wird eine konkrete Verbesserung der Zukunftsperspektiven und globalen Lebensbedingungen nicht in Sicht sein."

Der Autor fordert dagegen den vielbeschworenen Wertewandel und die individuelle sowie kollektive Bereitschaft, zukunftsorientiert zu handeln. Er ist der Überzeugung, "daß die Menschheit auch in ihrer tiefsten Krise noch immer eine historisch einmalige Chance und damit Verpflichtung besitzt, ein internationales Zusammenleben zu entwickeln, das jenseits von Hunger, Elend, Krieg und Angst anzusiedeln ist". Um dieses schnellstmöglich zu erreichen, bedarf es einer Wachstumswende in den Bereichen Lebensqualität, Wirtschaft, Wissenschaft und Politik als "eine wirklich revolutionäre Revolution". Wachstumswende meint aber auch eine Wende der Wachstumspolitik in den westlichen Industriegesellschaften und schließt eine Politik der Versöhnung zwischen Nord und Süd, Ost und West sowie ein gesundes Verhältnis des Menschen zu Natur und Umwelt ein. Eingehend analysiert Mittelstaedt die Hintergründe der gegenwärtigen Krisen und Tragödien des Wachstumskursus. Anhand vieler Beispiele belegt er, daß derzeitige Wachstumsbedingungen unsere Lebensqualität täglich reduzieren und konstatiert eine fortschreitende Vereinsamung. Schließlich werden die wesentlichen Perspektiven der Wachstumswende und Wege vom quantitativen zum qualitativen Wachstum - mit einem Katalog kurzfristiger Maßnahmen - dargestellt. Ein wichtiges Anliegen ist dabei, die Wirtschaftstheorie von Keynes den Erfordernissen unserer Zeit anzupassen.

Den vielen Zukunftsstudien zur Lage der Menschheit schreibt der Autor zumindest einen erheblichen Anteil an der gegenwärtig sichtbaren Bewußtseinswende zu. Leider haben es aber die Industriegesellschaften sträflich versäumt, "die großen Ideen der Menschheit, die mit Begriffen wie Wahrheit, Fortschritt, Freiheit, Gerechtigkeit und Humanität umschrieben werden, weiter zu entwickeln", nachdem die "alte Form" der Revolution Ende der 60er Jahre weitgehend abgeschlossen war.

Dem Autor gelingt es, Mut und Hoffnung zu vermitteln. Zwar findet man keine grundsätzlich neuen Ideen, wohl aber eine wertvolle Zusammenfassung wünschenswerter Zukünfte. Der vom Autor wiederholt verwendete Begriff der "Megakrise" gleicht in dem Versuch, immer wieder sprachliche Superlative zu formulieren, der Tautologie des "atomaren Super-Gaus". Mittelstaedt weist überzeugend nach, daß die "normale" Krise groß genug ist, um ihr entschlossen entgegenzuwirken.

Mittelstaedt, Werner: Wachstumswende. Chance für die Zukunft. München: Wirtschaftsverl. Müller/Herbig, 1988.267 S. DM 29,80/ sfr 25,30 / öS 232,40