Die Autoren lassen keinen Zweifel: Wir nähern uns der “Endzeit des fossilen Brennstoffs.” Mitte des kommenden Jahrhunderts sollen die Ölvorräte versiegen. Doch der weltweite Energiehunger wird weiter wachsen. Der gegenwärtige Weltenergieverbrauch von ca. 10 Gigatonnen pro Jahr könnte sich in den nächsten hundert Jahren verachtfachen. Diese Entwicklung stößt jedoch nicht nur auf ökologische, sondern auch auf ökonomische und politische Grenzen. Lovins und Hennicke sind überzeugt: “Ab dem Jahr 2010 muß nicht nur mit Preissteigerungen beim Öl gerechnet werden, sondern auch die Konflikte über dessen Verfügbarkeit werden zunehmen.” (S. 24) Atomkraft könne - abgesehen von den unkalkulierbaren Risiken - die sich auftuenden Lücken nicht schließen. “Die 427 derzeit über den Globus verteilten Atomkraftwerke decken gerade einmal fünf Prozent des gegenwärtigen Energiebedarfs ab.” (S. 26).

So hat selbst der World Energy Council (WEC), ein Zusammenschluß der Lobbyisten der Energiewirtschaft, bei seiner letzten Tagung 1998 in Houston mit einem “risikominimierenden Energieszenario” aufhorchen lassen, das höhere Energieeffizienz (1,4 Prozent Jahreseffizienzsteigerung), Ersatz von Kohle und Erdöl durch Erdgas sowie eine breite Markteinführung erneuerbarer Energieträger zur Grundlage hat. Ein Atomausstieg wird in diesem Szenario für das Jahr 2100 angepeilt.

Der Leiter des Rocky Mountains Institute in den USA, Amory Lovins, sowie der Energieexperte des Wuppertal-Instituts, Peter Hennicke, stellen dieser immerhin bereits ökologisch motivierten WEC-Strategie ihr “Faktor-Vier-Szenario” entgegen, das vor allem auf eine noch höhere Energieeffizienz (1,99 % Jahressteigerung) und einen Atomausstieg bereits bis 2050 setzt. Die CO2-Emissionen sollen demnach bis zur Mitte des nächsten Jahrhunderts halbiert werden - ohne Wohlstandseinbußen und ohne Restriktionen für die nachholende Entwicklung in den Ländern des Südens. An zahlreichen Beispielen zeigen die Autoren in der Folge, wie sie diese Effizienzrevolution erreichen wollen. Kraft-Wärmekopplung in dezentralen Energieanlagen (über 50% des Energieinputs der Großkraftwerke gehen derzeit als Abwärme in die Flüsse oder in die Atmosphäre verloren), erneuerbare Energieträger mit Biogas als wichtigstem Brennstoff der Zukunft, jede Menge neuer Effizienztechnologien in Haushalten und Industrie sowie völlig neue Antriebe und Autos (Annahme: 2,5 Liter auf 100 Kilometer Durchschnittsverbrauch. Aktuelles über Ökoautos, so Lovins, erfährt man unter www.hypercar.com) sind dabei die zentralen, keineswegs utopischen Vorgaben.

“Nicht weniger, sondern effizienter”, lautet das Credo der Energieexperten, die bewußt von sehr realistischen Annahmen ausgehen. “Die Menschheit wird im Jahr 2050 fast dreimal so weit mit dem Auto fahren als heute” (S. 83), so etwa ihre Prognose im Verkehrsbereich. Ungewöhnlich sind auch die Handlungsempfehlungen: Nicht der Energiepreis allein schaffe die Wende, ebenso wichtig seien der Abbau von Lobbyismus und verzerrenden Subventionen, der Mut zu Innovationen sowie die Durchsetzung des Prinzips, Geld zu verdienen mit Energieeinsparen anstatt mit Energieverkauf.


H. H.

Lovins, Amory; Hennicke, Peter: Voller Energie. Vision: Die globale Faktor Vier-Strategie für Klimaschutz und Atomausstieg. Frankfurt/M. u.a.: Campus, 1999. 265 S. (Visionen für das 21. Jahrhundert; 8) DM 36,- / sFr 35,- / öS 263,-