Ein Feuerwerk an ebenso geistreichen wie geschliffenen Formulierungen brennt der glänzende Essayist und Wissenschaftskritiker Erwin Chargaff in seinem jüngsten Werk, einer Essaysammlung zu seinem Hauptthema, ab. Mit dem Erschlaffen der Religionen seien die Naturwissenschaften für viele Menschen zu einer Ersatzreligion geworden, die über sogenannte "Sachzwänge" (ein Begriff, der dem Duden erst seit 1980 geläufig ist und den der Autor als "naives Denksurrogat", als faule Ausrede für Politiker entlarvt, die gerne einen weiten Bogen um ihr eigenes Gewissen machen), vermittelt durch Wirtschaft und Technik, eine nie gekannte Macht über diese Welt erlangt habe. Doch vermöge die Naturwissenschaft, einem Raster gleich, nur einen Teil der Wirklichkeit, und vielleicht nicht einmal den wichtigsten, zu erfassen. Diese Begrenztheit der Naturerfassung, bei gleichzeitiger dogmatischer Postulierung ihrer Ergebnisse, ist für den gelernten Biochemiker eine der Hauptursachen der gegenwärtigen ökologischen Krisen. Zumal die "Wissensproduzenten" der Neuzeit häufig auch noch unterschlügen, daß die Richtungen ihrer Erkenntnisprozesse eher von den Geldgebern in Staat und Wirtschaft bestimmt werden denn vom jungfräulichen Wissensdrang einer um Erkenntnisgewinn bemühten Forscherkaste. Aber auch die explosionsartige Zunahme der in der Naturerforschung tätigen Menschen ist nach Chargaff verantwortlich für diese Entwicklung. Zählte die „science community" der USA 1960 noch 120.000 Mitglieder, so ist ihr Zahl mittlerweile auf über zwei Millionen angewachsen. Als Ausweg schlägt Chargaff, Träger zahlreicher wissenschaftlicher Auszeichnungen, eine drastische Kürzung aller Forschungsgelder vor. Mehr noch: Forschen sollte in Zukunft Amateuren vorbehalten bleiben, wenn nicht in Teilbereichen ganz eingestellt werden. Beispiel: Die Gentechnik: "Denn", so Chargaff, "man kann das Leben nur erforschen, indem man es beseitigt." E. H.

Chargaff, Erwin: Vermächtnis. Essays. Stuttgart Klett-Cotta Verl., 1992. 284 S., DM 38,- / sFr 32,20/ öS 296