Ein hochkarätiges Autorenteam präsentiert auch im 22. Jahrgang des Periodikums einmal mehr eine interessante und kritische Auseinandersetzung mit den Folgen des wissenschaftlich-technischen Fortschritts. Neben Ernst U.v. Weizsäcker, Max Himmelheber, Reinhard Löw, Christian Schütze u.a. ist diesmal die Schriftstellerin Christa Wolf mit einem beachtenswerten Aufsatz zum Thema "Krebs und Gesellschaft" vertreten. Erwin Chargaff beschäftigt sich mit der Vergeblichkeit des "deutlich zum Ausdruck gebrachten Protests" in der satirischen Dichtung. Interessant auch der Ansatz von Hans-Peter Dürr, über Poesie und Naturwissenschaft zu reflektieren. Der Beitrag der Wissenschaft zur geistigen Entwicklung wird von Klaus M. Meyer-Abich positiv bewertet. Er hält den Grundgedanken für richtig, daß wir nicht dazu da sind, die Welt wieder so zu verlassen, als seien wir gar nicht dagewesen. Sehr konkret und innovativ nähert sich Horst Bieber dem Thema Bevölkerungspolitik. Die Suche nach Modellen der Bevölkerungskontrolle setzt seiner Ansicht nach die Mitwirkung der Frauen jener Kulturen und Gesellschaften voraus, die Frauen bislang als zweitklassig ansehen, was letztlich einer Kulturrevolution gleichkäme. Beeindruckend und zugleich deprimierend der Beitrag Till Bastians zu den Riesenagglomerationen des Südens. Er verweist auf das Problem der "kritischen Größe" und hält das Wachstum der Städte für das dringlichste ökologische Problem der Zukunft. Schätzungen für die Region von Mexiko City gehen   von 25 bis 30 Mio., für Bombay von 15 bis 20 Mio. Menschen um die Jahrtausendwende aus. Mit Aspekten der Dauerhaftigkeit beschäftigt sich in gewohnt prägnant-pointierter Form Jürgen Dahl, indem er auf entsprechende Relativismen hinweist: "So wie aber der Unverläßlichkeit des Kurzlebigen sein hinfälliger Charme gegenübersteht, so hat auch die Würde des Dauerhaften ihr Gegenbild, nämlich die Brutalität des Harten, Unzerstörbaren." Er hält das Prinzip der Nachhaltigkeit für geeignet, gewisse Widersprüche zu überwinden, wobei ihm nur der Verzicht als angemessene Konsequenz aus der Endlichkeit der Ressourcen erscheint. AA

 

Scheidewege. Jahresschrift für skeptisches Denken. Jg. 22, 1992/93. Red.: Jürgen Dahl ... Baiersbronn: Verl. d. Max-Himmelheber-Stiftung, 1992. 309 S., DM 30,- / sFr 25,40/ öS 234