Ausgehend von einer leichtverständlichen Einführung in die Gesetze der Entropie deckt der streitbare Architekt gefährliche Fallen unseres gegenwärtigen Wirtschaftshandelns auf, wobei er beileibe nicht nur Fragen der Architektur und des Bauens thematisiert. Da mit dem Ökohaus im Grünen die Herausforderungen einer energie- und landschaftsschonenden Bauweise keineswegs eingelöst werden, plädiert Moewe für eine Renaissance urbanen Wohnens sowie eine gleichzeitige Revitalisierung von Althaussubstanzen. Kritik erfährt auch das ständige Ansteigen der Baumaterialien (ein anschauliches Beispiel ist die alte Fichtenholzfußleiste, die von mit Holzimitation aus Kunststoff furnierten Spannplattenstreifen abgelöst wurde) sowie die zunehmende Ansammlung von Baumüll, der keiner Wiederverwendung zugeführt werden kann.

Der Autor schlägt die gesetzliche Reduzierung der Baustoffe vor und rät zu einer Fertigteilbauweise, deren genormte Materialbestandteile nicht nur energieextensiv zusammengefügt, sondern auch wiederverwertet werden können: "Wir brauchen eine neue ökologische Solidität, sozusagen die Neuproduktion langlebiger Antiquitäten." (Ein Modell eines Bauelementelagers, das Balken, Fenster, Türen und anderes mehr im "Second-hand"-Weg wiederverkauft, existiert übrigens in Berlin-Spandau.)

Hart ins Gericht geht der Architekt auch mit der hiesigen Raumordnungspolitik, etwa der Ausweisung riesiger Gewerbeflächen mit den typischen Flachbauten, die letztlich zur "Entropie der Landschaften" führen (in der BRD werden täglich ca. 120 ha Landschaft für Siedlungen, Gebäude, Straßen usw. verbraucht). Ein eigenes Kapitel widmet der Autor dem begrifflichen Instrumentarium der Wachstumsgesellschaft. Dessen verschleiernde Dramatik belegt er etwa am sogenannten Nullwachstum (das lediglich die relativen Zuwächse erfaßt, die absoluten Größen jedoch verdrängt) oder am Bruttosozialprodukt, dessen Wachsen längst nicht mehr mit einem Ansteigen des Wohlstandes zu tun habe. (Wenn das BSP der BRD von 1979-1990 inflationsbereinigt um 27 % gestiegen ist, so verzeichnen die Netto-Reallöhne lediglich eine Steigerung von 6,5 %). Nicht zuletzt thematisiert Moewes die Entropiefalle unserer Beschäftigungsgesellschaft. Während das ursprüngliche Ziel der Industrialisierung die "Befreiung von der QuaIarbeit" gewesen wäre, seien wir ständig um "Arbeitsbeschaffung" bemüht. Auf jeden Fall nachzurechnen wäre der Vorwurf des Wachstumskritikers, daß die "Maschinisierungsgewinne" durchwegs in den unproduktiven internationalen Finanz- und Spekulationstionsmärkten verschwinden.

Moewes Ausführungen stellen eine wertvolle Provokation gegen jedwede oberflächliche Grün-Kosmetik dar, die dem Anspruch eine Streitschrift abzugeben, durchaus gerecht werden.

H. H. 

Moewes, Günther: Weder Hütten noch Paläste. Architektur und Ökologie in der Arbeitsgesellschaft. Eine Streitschrift. Basel (u.a.): Birkhäuser, 1995. 224 S. DM/sFr39,80/öS 310,50