Die zunehmend lauter tönende Forderung nach einer Umschreibung der deutschen Geschichte, in deren Folge sich "Gesichtspunkte wie nationale Identität, Freund-Feind-Polarisierung und eine modernitätsfeindliche Lebensstimmung „neuerlich auszubreiten beginnen", veranlaßte die Herausgeber eine interdisziplinäre Tagung über Tradition und Zukunft der Aufklärung zu organisieren, deren Ergebnisse hier wiedergegeben sind. Trotz der Differenzen, die sich vor allem um die von feministischer Seite formulierte These drehen, die Aufklärung sei ein Instrument patriarchalischer Unterdrückung, sollte nachgewiesen werden, daß die "mühsam ... errungenen Standards einer an den Prinzipien der europäischen Aufklärung orientierten politischen Kultur nicht so leicht preisgegeben oder unterschritten werden können, wie es den intellektuellen Verfechtern einer konservativen Wende scheinen mag".

Weder Klassen- noch Geschlechterkampf findet man in diesem Band, sondern eine profunde, wenn auch thematisch begrenzte Auseinandersetzung - es fehlen Techniker und Ökonomen - um die Grundlagen der jüngeren abendländischen Wissenschafts- und Gesellschaftsentwicklung. In der einleitenden Grundsatzdiskussion, aber auch in den Abschnitten, die sich mit Geschichte und Staat beschäftigen, werden u. a. die Auswirkungen einer nur scheinbar rationalen Entwicklung diskutiert, von der wir wissen, daß sie uns an den Rand der globalen Vernichtung geführt hat. Wenn der Satz von J. Habermas richtig ist, daß "die Aufklärung sich über sich selbst, auch über das von ihr selbst angerichtete Unheil aufklärt ... ", dann muß dies notwendigerweise zu Gesellschaftsverhältnissen führen, die den Namen einer aufgeklärten Demokratie tatsächlich verdienen. Anmerkungen zu einer solchen Form kulturellen Lebens, das die Teilhabe aller Bürger fordert und zuläßt, stammen von H. Dubiel, R. Berger, J. Molmann, H. v. Hentig u. anderen. Vorschläge, wie das utopische Potential der Literatur gesellschaftsverändernd eingesetzt und die Massenkultur in den Dienst der Aufklärung gestellt werden könnte, unterbreiten P. Glotz, H. R. Jauß und M. R. Lepius.

Wie auch immer die Etikette einer künftigen Gesellschaft lauten mag: Auf dem Weg von der "Risikogesellschaft" zur "Postmoderne" - im Zeichen des Wassermanns, wenn man will -, müssen wir auf die Stimme der Vernunft setzen. Und diese bleibt - trotz allem - eine zentrale Kategorie der Aufklärung.

Die Zukunft der Aufklärung. Hrsg. v. Jörn Rüsen, Eberhard Lämmert u. Peter Glotz. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1988.243 S. (Edition Suhrkamp 1479) DM 14,-/sfr 11,90/öS 109,20